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Interview - Sven Hannawald: 26.03.2004 |
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Sven
Hannawald- Sensible Kämpfernatur |
Vor
zwei Jahren noch der umjubelte Gesamtsieger der
50. Vierschanzen-Tournee mit vier Einzelsiegen.
Sportgeschichte hat er geschrieben, und den Bekanntheitsgrad
eines Popstars hat er erreicht. Sven Hannawald
ist zweifellos einer der besten und populärsten
Skispringer unserer Zeit.
Im vergangenen Winter dann der brutale sportliche
Absturz und das vorzeitige Saisonende.
Platz 24 in der Endwertung des Gesamt-Weltcups
bedeutete für den Mann aus Hinterzarten das
schlechteste Ergebnis seit sieben Jahren, denn
seit dem Winter 1997/98 hatte er es immer geschafft
im Gesamtresultat unter den besten Zehn zu sein.
Viele Sympathien bei Fans und Beobachtern hatte
ihn das vorzeitige Saisonende gekostet.
Jetzt hat sich Sven Hannawald medizinische Unterstützung
geholt, der Mann aus Hinterzarten ist am Ende
seiner Kräfte und benötigt vor allem
eins: Ruhe.
Wenige Tage vor diesem, für viele Beobachter
überraschenden Schritt, hatte Anne Kirchberg
vom Skispringer-Magazin Gelegenheit ein Interview
mit Sven Hannawald zu führen. Auszüge
dieses Interviews können SIe vorab exklusiv
bei Skispringen.com lesen.
A. K.: Wie geht es dir im Moment?
Sven Hannawald:
Ich bin auf dem Weg der Erholung. Die Saison war
stressig und hat so viele Nerven gekostet wie
keine andere bisher. Dementsprechend lange dauert
es wahrscheinlich, bis ich mich wirklich regeneriert
habe, damit ich wieder angriffslustig bin.
A. K.: Was denkst du, woran es lag, dass du nicht
die Wettkampfform wie in den vergangenen Jahren
hattest?
Sven Hannawald:
Nach wie vor konnte ich im Sommer das geplante
Krafttraining, das bei mir das Nonplusultra ist,
durch die Infekte und all diese Dinge nicht so
durchziehen. Das hat mich extrem zurückgeworfen.
Ich habe immer mit dem Krafttraining angefangen,
bin wieder ausgestiegen, musste Pause machen.
Das war nichts Halbes und nichts Ganzes. Konditionell
war ich gut drauf, das habe ich beispielsweise
beim Fußball spielen immer gesehen. Auch
zum Schluss war das kein Problem, sondern dass
meine Kraft und somit die Schnellkraftwerte eben
weg waren, da ich das Training nicht so wie die
anderen durchziehen konnte.
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| "Leistungstief
hatte nichts mit dem Trainerwechsel zu tun" |
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A. K.: Siehst du einen Zusammenhang zwischen
dem Trainerwechsel im DSV-Team und deiner ausbleibenden
Leistung?
Sven Hannawald:
Nein, das glaube ich weniger. Das hat damit
nichts zu tun, denn Wolfgang Steiert ist ja
immer noch unser Heimtrainer. Wir haben das
ganze Training immer daheim gemacht und mit
Reinhard Heß auf den Lehrgängen gearbeitet.
Deswegen hat sich das Grundtraining im Vergleich
zu Reinhard nicht übermäßig
geändert und hat damit überhaupt nichts
zu tun.
A. K.: Es gab ja einige Dispute zwischen dir
und Wolfgang Steiert, die in der Öffentlichkeit
breit getreten wurden. Magst du da irgendetwas
richtig stellen oder klären?
Sven Hannawald:
Nein, das waren unglückliche Aussagen und
das hat sich jetzt erledigt. Wir haben uns danach
zusammengesetzt, geredet und das ist jetzt fertig.
Nur das ist wichtig.
Klar, dass dann kleinere Dinge irgendwo ausgeschlachtet
und gerade in einer Situation wie zum Trainerwechsel
richtig schön reingeknallt werden. Aber
nach wie vor hat man sich dann zusammengesetzt
und geredet. Wir haben die ganzen Jahre zusammengearbeitet
und wegen einem schlechten Jahr glaube ich nicht,
dass da irgendwas scheitert.
:A. K.Du würdest das Verhältnis also
immer noch als superpositiv und gut bezeichnen?
Sven Hannawald:
Als ganz normal. Sicherlich nach den Dingen,
die vorgefallen sind, wäre alles andere
eine Schauspielerei. Trotzdem sehe ich Wolfgang
als meinen Trainer und keinen anderen.
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| "Es
nervt, dass ich diesen Winter nie in Tritt gekommen
bin" |
A.
K.: Wenn man solche Erfolge gefeiert hat wie du,
hat man sicher einen hohen Anspruch an sich selbst.
Wie kommst du mit Ergebnissen wie in der letzten
Saison klar?
Sven Hannawald:
Ich bin kein ergebnisorientierter Mensch. Mich
nervt es einfach, dass ich diesen Winter nie in
Tritt gekommen bin. Die Ergebnisse sind zweit-
oder sogar drittrangig. Das kommt alles von selbst.
Das Grundproblem war einfach, dass ich gesehen
habe, wie weit weg ich bin und dass ich das gar
nicht mehr aufholen kann. Es ist ja kein Kindergeburtstag,
wo man irgendwas geschenkt bekommt, sondern es
gilt sich alles hart zu erarbeiten. Sobald ich
meine körperliche Form habe und es geht mal
ein bisschen schlecht, aber trotzdem die Grundvoraussetzung
stimmt, ergibt sich der Rest irgendwann. Aber
wenn ich schon weiß, dass die Grundvoraussetzung
nicht stimmt, ist es schwierig den lockeren Hanni
zu mimen. Das kann ich einfach nicht, ich bin
kein Schauspieler.
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| "Wenn
man alles ernst nimmt dreht man vollkommen durch" |
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A. K.: Wie fühlst du dich, wenn Dinge
in den Medien diskutiert werden, und du der
Letzte bist, den man fragt?
Sven Hannawald:
Solche Sachen lasse ich nach wie vor diskutieren.
Ich gucke, dass für mich selbst meine Form
aufwärts geht und der Rest ist "wurscht".
Es wird so viel geschrieben, wenn man da alles
ernst nimmt, dann dreht man ja vollkommen durch.
Auch wenn man eine gute Form hat und würde
wirklich alles dementieren und müsste sich
mit allem auseinander setzen - das steht man
keine Saison locker durch. Definitiv nicht.
Für mich ist so was deswegen zweitrangig.
A. K.: Warst du dann ganz froh, während
der letzten Saison auch einfach mal für
einige Wochen ganz aus dem Fokus der Öffentlichkeit
heraus zu sein?
Sven Hannawald:
Ich kann nicht wirklich sagen, dass ich erst
dieses Jahr meine Ruhe gehabt habe, denn die
Jahre vorher sind wir spezieller zum Trainieren
gegangen und waren dann einfach weg. Gott sei
Dank hat dann der Uhri immer das Loch gefüllt,
dieses Jahr war es der Schorsch, der nicht alles
hat zusammenbrechen lassen. Das ist nämlich
genau das Problem: Nur weil ich jetzt schlecht
gesprungen bin, wird wieder alles in Frage gestellt.
Und das ist das Riesenproblem. Wenn man den
Saisonverlauf von Uhri oder von Schorsch, oder
auch vom Maxi im Sommer sieht - das sind alles
riesige Fortschritte. Aber wenn es in einer
Saison bei mir oder dem Martin nicht so läuft,
wird alles gleich in Frage gestellt, weil wir
so etwas wie die Aushängeschilder sind.
Für unsere Nachkommen, also die "hinter
uns", war es eine sehr, sehr gute Saison.
Man weiß jetzt, dass es nicht nur einen
Hannawald oder einen Schmitt gibt, sondern auch
noch andere, die das Zeug und die Grundvoraussetzung
bringen. Für uns ist das wichtig, wenn
wir nicht mehr da sind. Das war das große
Positive. Klar, dass das jetzt natürlich
keiner sieht, aber es wäre mal nicht schlecht,
wenn es erwähnt würde, denn wir brauchen
ja nicht alles negativ reden.
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| "Bin
kein Riesenbeißer" |
A.
K.: Während der Saison hast du sicher viele
neue Erfahrungen gemacht. Was ziehst du Positives
aus dem letzten Winter?
Sven Hannawald:
Für mich selbst bin ich positiv überrascht,
dass ich es durchgekriegt habe. Normalerweise
hätte ich schon fast nach der Tournee aufgehört,
aber dass ich doch immer noch versucht habe mich
durchzubeißen, auch wenn ich es nicht ganz
bis zum Ende der Saison geschafft habe. Es war
wirklich o.k., dass ich die Skiflug-WM mitgemacht
habe. Man kann ja von mir nicht gerade behaupten,
dass ich der Riesenbeißer bin, weil ich
letzten Endes ja nach Amerika aufgehört habe.
Es ist einfach jetzt wieder eine Erfahrung, dass
der Erfolg sehr, sehr schön ist, aber es
gibt eben auch die anderen Seiten, und die musste
ich dieses Jahr leider so richtig erleben.
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| "Hey,
Junge, du könntest es so schön haben!"
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A. K.: Kommen einem während so einer Saison
nicht zwangsweise Gedanken ans Aufhören?
Hast du nie gedacht: Ich habe eine Freundin,
könnte jetzt eine Familie gründen,
ein Haus bauen - warum tue ich mir das alles
an?
Sven Hannawald:
Ja, gerade in solchen Phasen bei einem schlechten
Saisonverlauf möchte man nicht dauernd
an das Schlechte denken, sondern man sieht schon,
dass das Privatleben jetzt genial läuft.
Mit der Freundin, ich habe jetzt meine Wohnung,
mit den Eltern, meine Schwester bekommt bald
ihr Kind und so weiter. Das sind alles Dinge,
wenn es schlecht läuft, dann sieht man
auf einmal eine andere Seite. Dadurch, dass
ich körperlich so am Ende bin, sind da
schon irgendwo so kleine Gedankenspitzen, die
sagen "Hey, Junge, du könntest es
so schön haben!" Aber ich möchte
diesen Gedanken gar kein Futter geben, so dass
sie größer werden. Ich will auf jeden
Fall weiter machen, denn für mich gibt
es so schöne Erinnerungen an meinen Sport.
Ich kann das nur noch ein paar Jahre machen
und möchte das weiterhin genießen.
Es ist schön, dass nebenher das Privatleben
läuft, aber ich habe so viele Jahre investiert,
dass ich wegen einer schlechten Saison die restlichen
nicht aufgeben will.
A. K.: Glaubst du, diese Einstellung könnte
sich ändern, wenn die nächste Saison
ähnlich verläuft?
Sven Hannawald:
Ich möchte wirklich durchziehen - Ende
offen! Ich möchte diesen Weg gehen, so
lange ich Lichtblicke und Ansatzpunkte habe
wieder der "Alte" zu werden. Wenn
dann irgendwann mal das Dunkel kommt, dann höre
ich auf, egal ob ich im Nachhinein besser früher
hätte Schluss machen sollen. Ich möchte
für mich selbst so weit gehen, bis ich
von meinem Körper das Zeichen kriege: "Junge,
es ist Zeit." Dann höre ich auf. Und
nicht, weil es irgendwie gerade am Schönsten
ist oder so was. Ich höre nach wie vor
auf meinen Körper.
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| "Ich
danke den Fans für die Unterstützung" |
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A. K.: Möchtest du deinen vielen Fans
vielleicht noch etwas sagen?
Sven Hannawald:
Vielen Dank für die Unterstützung!
Ich kann auf jeden Fall versprechen, dass das
nicht die letzte Saison war, und ich mir Mühe
gebe sie in der nächsten nicht wieder zu
enttäuschen.
(ak)
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