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  Skispringen.com Interview - Reinhard Heß / 23.11.2003
  "Nicht distanzierter, aber gelassener"

Reinhard Heß ist nach zehn Jahren Bundestrainer-Tätigkeit nicht mehr beim Weltcup-Auftakt dabei. Aber immer noch mittendrin statt nur dabei.

Zehn Jahre lang war er bei jedem Weltcup-Auftakt dabei, als Bundestrainer der deutschen Skispringen. Heuer steht ein anderer an seiner Stelle: Wenn im finnischen Kuusamo Martin Schmitt, Sven Hannawald und Co. über den Schanzentisch gehen, dann wird Wolfgang Steiert anstelle von Reinhard Heß mit der Deutschland-Fahne das Freizeichen für seine Springer geben. Der Thüringer wird am selben Tag in St. Moritz den Nachwuchs beobachten. "Dort sind Sportler von zwei, drei Altersklassen im Einsatz, da möchte ich schon dabei sein, um mir ein Bild der aktuellen Leistungsstärke zu machen", sagt Heß, und fügt hinzu: "Dort werde ich mir aber auch das Auftaktspringen des Weltcups ansehen."

Die Vorfälle rund um den Bundestrainer-Wechsel, die am Ende der Saison 2002/03 den Deutschen Ski-Verband und auch die Medien beschäftigten, sind abgehakt, sagt Heß. "Weil es keinen Sinn macht, über diese Dinge längerfristig zu diskutieren. Das Leben, der Sport gehen weiter - im Sinne der Sache ist der Blick nach vorne zu richten." So wird der 58-jährige Skisprung-Lehrer nicht distanzierter als in Vergangenheit, aber aufgrund seiner neuen Position als DSV-Cheftrainer gelassener den Konkurrenzen beiwohnen, sei es live oder vor dem TV-Apparat. "Das Kribbeln im Bauch werde ich weiterhin verspüren, aber nicht jene Spannung, die in den vergangenen zehn Jahren vorgekommen ist."

Während sieben Stationen des Weltcups ist Reinhard Heß für die ARD als Co-Kommentator tätig, das erste Mal am 6.-7. Dezember im norwegischen Trondheim. Dass die Doppelfunktion - hier der Cheftrainer, dort der Analytiker - zu Problemsituationen führen kann, glaubt Heß nicht. "Ich gehe davon aus, dass das Deutsche Team erfolgreich ist - und das vereinfacht die Berichterstattung. Sollte dies nicht der Fall sein, dann erwarte ich mir, dass man gegenseitig der Arbeit des anderen Respekt entgegenbringt. Kritisch werde ich sein, sachlich kritisch, also respektvoll. Ich komme aus jenem Metier, aus jener Situation, in der sich nunmehr andere befinden. Das werde ich nicht vergessen."

Wenn der Experte der nahenden Saison entgegen blickt, dann sagt er: "Ich glaube nicht, dass es ein Winter des Generationswechsels wird. Arrivierte Athleten werden weiterhin den Ton angeben, hinzu werden - wie in fast jeder Saison - ein oder zwei neue Namen stoßen - und ich hoffe, dass wir jenen von Maximilian Mechler in den Ergebnislisten weit vorne finden werden. Die Materialveränderungen haben zu Umstellungsproblemen geführt, vor dem Athleten aus Deutschland und aus anderen Nationen nicht gefeit waren. Doch diese Probleme werden bis zu den ersten Springen, spätestens bis zur Tournee, kompensiert sein. Aufgrund des geringeren Trageeffekts der Sprunganzüge wird die Jury bei der Geschwindigkeitswahl Umstellungen vornehmen müssen, um Weiten aus dem Vorjahr zu erreichen." Die Kalkulierbarkeit der Weiten wird allerdings besser gewährleistet als im Vorjahr. Doch der Thüringer denkt auch daran, dass die damit verbundene höhere Anfluggeschwindigkeit und der höhere Landedruck das Springen auch gefährlicher machen könnte.

Sven Hannawald und Martin Schmitt sind auch in dieser Saison die großen Hoffnungsträger Deutschlands. Während Hannawald durchaus zugetraut wird, weiterhin vorne mitzumischen, steht hinter dem Namen Schmitt ein Fragezeichen. Was kann er heuer erreichen? Wie stark ist er? Heß kennt die Antwort nicht. "Ich weiß nicht, was wir von Schmitt erwarten können. Um Schlüsse ziehen zu können, war ich doch zu weit weg von den Vorbereitungen im Sommer. Das war so geplant, Steiert sollte ohne meinen Schatten arbeiten können. Fakt ist, dass Martin Schmitt erstmals seit drei Jahren verletzungs- und schmerzfrei trainieren konnte, und das ist positiv. Technisch ist er in der Lage, sein Leistungsvermögen zu bringen. Die Frage ist also jene nach seiner Risikobereitschaft, die nur er beantworten kann. Was Martin braucht, ist eine gute Einstiegsleistung, ein Erfolgserlebnis. Kein Erfolg, keine Motivation. Aber wenn Schmitt springt, dann muss er es in einem Bereich tun, der seinem Anspruch gerecht wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er Jahre lang um Platz 20 herum agiert. Dort gehört er nämlich nicht hin."

Reinhard Heß ist weiterhin mittendrin statt nur dabei. Und das ist für den deutschen, für den internationalen Skisprunglauf auch gut so.
 










 
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