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Reinhard Heß ist nach zehn Jahren Bundestrainer-Tätigkeit
nicht mehr beim Weltcup-Auftakt dabei. Aber
immer noch mittendrin statt nur dabei.
Zehn Jahre lang war er bei jedem Weltcup-Auftakt
dabei, als Bundestrainer der deutschen Skispringen.
Heuer steht ein anderer an seiner Stelle: Wenn
im finnischen Kuusamo Martin Schmitt, Sven Hannawald
und Co. über den Schanzentisch gehen, dann
wird Wolfgang Steiert anstelle von Reinhard
Heß mit der Deutschland-Fahne das Freizeichen
für seine Springer geben. Der Thüringer
wird am selben Tag in St. Moritz den Nachwuchs
beobachten. "Dort sind Sportler von zwei,
drei Altersklassen im Einsatz, da möchte
ich schon dabei sein, um mir ein Bild der aktuellen
Leistungsstärke zu machen", sagt Heß,
und fügt hinzu: "Dort werde ich mir
aber auch das Auftaktspringen des Weltcups ansehen."
Die Vorfälle rund um den Bundestrainer-Wechsel,
die am Ende der Saison 2002/03 den Deutschen
Ski-Verband und auch die Medien beschäftigten,
sind abgehakt, sagt Heß. "Weil es
keinen Sinn macht, über diese Dinge längerfristig
zu diskutieren. Das Leben, der Sport gehen weiter
- im Sinne der Sache ist der Blick nach vorne
zu richten." So wird der 58-jährige
Skisprung-Lehrer nicht distanzierter als in
Vergangenheit, aber aufgrund seiner neuen Position
als DSV-Cheftrainer gelassener den Konkurrenzen
beiwohnen, sei es live oder vor dem TV-Apparat.
"Das Kribbeln im Bauch werde ich weiterhin
verspüren, aber nicht jene Spannung, die
in den vergangenen zehn Jahren vorgekommen ist."
Während sieben Stationen des Weltcups
ist Reinhard Heß für die ARD als
Co-Kommentator tätig, das erste Mal am
6.-7. Dezember im norwegischen Trondheim. Dass
die Doppelfunktion - hier der Cheftrainer, dort
der Analytiker - zu Problemsituationen führen
kann, glaubt Heß nicht. "Ich gehe
davon aus, dass das Deutsche Team erfolgreich
ist - und das vereinfacht die Berichterstattung.
Sollte dies nicht der Fall sein, dann erwarte
ich mir, dass man gegenseitig der Arbeit des
anderen Respekt entgegenbringt. Kritisch werde
ich sein, sachlich kritisch, also respektvoll.
Ich komme aus jenem Metier, aus jener Situation,
in der sich nunmehr andere befinden. Das werde
ich nicht vergessen."
Wenn der Experte der nahenden Saison entgegen
blickt, dann sagt er: "Ich glaube nicht,
dass es ein Winter des Generationswechsels wird.
Arrivierte Athleten werden weiterhin den Ton
angeben, hinzu werden - wie in fast jeder Saison
- ein oder zwei neue Namen stoßen - und
ich hoffe, dass wir jenen von Maximilian Mechler
in den Ergebnislisten weit vorne finden werden.
Die Materialveränderungen haben zu Umstellungsproblemen
geführt, vor dem Athleten aus Deutschland
und aus anderen Nationen nicht gefeit waren.
Doch diese Probleme werden bis zu den ersten
Springen, spätestens bis zur Tournee, kompensiert
sein. Aufgrund des geringeren Trageeffekts der
Sprunganzüge wird die Jury bei der Geschwindigkeitswahl
Umstellungen vornehmen müssen, um Weiten
aus dem Vorjahr zu erreichen." Die Kalkulierbarkeit
der Weiten wird allerdings besser gewährleistet
als im Vorjahr. Doch der Thüringer denkt
auch daran, dass die damit verbundene höhere
Anfluggeschwindigkeit und der höhere Landedruck
das Springen auch gefährlicher machen könnte.
Sven Hannawald und Martin Schmitt sind auch
in dieser Saison die großen Hoffnungsträger
Deutschlands. Während Hannawald durchaus
zugetraut wird, weiterhin vorne mitzumischen,
steht hinter dem Namen Schmitt ein Fragezeichen.
Was kann er heuer erreichen? Wie stark ist er?
Heß kennt die Antwort nicht. "Ich
weiß nicht, was wir von Schmitt erwarten
können. Um Schlüsse ziehen zu können,
war ich doch zu weit weg von den Vorbereitungen
im Sommer. Das war so geplant, Steiert sollte
ohne meinen Schatten arbeiten können. Fakt
ist, dass Martin Schmitt erstmals seit drei
Jahren verletzungs- und schmerzfrei trainieren
konnte, und das ist positiv. Technisch ist er
in der Lage, sein Leistungsvermögen zu
bringen. Die Frage ist also jene nach seiner
Risikobereitschaft, die nur er beantworten kann.
Was Martin braucht, ist eine gute Einstiegsleistung,
ein Erfolgserlebnis. Kein Erfolg, keine Motivation.
Aber wenn Schmitt springt, dann muss er es in
einem Bereich tun, der seinem Anspruch gerecht
wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er
Jahre lang um Platz 20 herum agiert. Dort gehört
er nämlich nicht hin."
Reinhard Heß ist weiterhin mittendrin
statt nur dabei. Und das ist für den deutschen,
für den internationalen Skisprunglauf auch
gut so.
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