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Reinhard
Heß, geboren am 13. Juni 1945 in Lauscha
(aus dieser Stadt kommen auch die früheren
Weltklasse-Skispringer Clemens Walther, Axel
Zitzmann und Holger Greiner-Petter), lebt heute
in Suhl. Ab und zu fährt er noch nach Lauscha,
um die Gräber seiner Eltern zu pflegen.
Im Januar 2000 zwischen den Weltcup-Springen
stand er auch unter den 6.000 Zuschauern an
der Marktiegel-Schanze beim Continental-Springen.
"So mancher Weltcup-Veranstalter wäre
froh über diese Zuschauerzahl." So
Heß.
Nach der Vereinigung der beiden Skisport-Verbände
war er zunächst Trainer der B-Auswahl,
die Cheftrainer-Funktion übernahm er nach
den WM 1993 in Falun. Seitdem ist er einer der
erfolgreichsten Skisprung-Trainer der Welt.
Als Endziel seiner Laufbahn hat er Salt Lake
City 2002 fixiert, ohne dabei alle Brücken
zum Skispringen abzubauen. Er wolle nicht noch
als Rentner auf dem Turm stehen, meinte er launisch,
ehe er sich in das Interview begab.
In Vikersund im Norweger-Land steigt an diesem
Wochenende die Weltmeisterschaft im Skifliegen.
Es ist ein Ereignis und ein Spektakel besonderer
Art. Als es dort 1990 stattfand, gab es noch
zwei deutsche Mannschaften. Die eine von Trainer
Rudi Tusch stellte mit Dieter Thoma den Weltmeister,
die andere von Verbandstrainer Reinhard Heß
mit Jens Weißflog den Bronzemedaillen-Gewinner.
Heß trat 1993 die Nachfolge von Tusch
an, der als Koordinator im Team blieb.
Mit Reinhard Heß, dem wohl erfolgreichsten
früheren DDR-Cheftrainer in gesamtdeutschen
Diensten, sprach ND-Mitarbeiter Hans-Jürgen
Zeume beim Weltcup in Willingen 2000.
Welche
besonderen Eigenschaften muß ein Skiflieger
mitbringen?
Reinhard
Heß :
Der Skiflieger muß zuerst die Grundeinstellung
zu dieser Aufgabe mitbringen. Es ist nun mal
nach wie vor eine höhere Dimension, Skifliegen
zu Skispringen. Er muß das Herz mitbringen,
den Willen, fliegen zu wollen. Er muß
natürlich auch die Voraussetzungen mitbringen,
dass ihm dies auch gelingt. Deswegen war
der Weltcup in Willingen auch ein guter Test
für Vikersund.

Das
Jahr 1990 war für alle nach dem Fall der
Mauer ein besonderes. Wie war das bei Ihnen,
als sie mit der DDR-Mannschaft damals zu den
WM nach Vikersund flogen?
Reinhard
Heß :
Politisch sicher war ich etwas durcheinander.
Persönlich hatte ich noch keine richtige
Position gefunden, weil auch enttäuscht.
Sportlich stellte nicht nur für mich Vikersund
neue Ansprüche, denn zu diesem Zeitpunkt
hat es ja noch zwei deutsche Springermannschaften
gegeben. Wir wußten, was auf uns zukommt
sportlich. Die Situation in Vikersund selbst
damals: es war noch eine mit gesundem Ehrgeiz
erfüllt, dass unser Springersystem
auch ein gutes war.

Was
ist eigentlich aus Ihren ehemaligen DDR-Kollegen
geworden, die im Skisprung gearbeitet haben?
Reinhard
Heß :
Es sind einige in andere Berufe gegangen, wenn
ich zum Beispiel meine Kollegen in Zella-Mehlis
sehe. Dort wurde ja praktisch ein Zivilklub
aufgelöst. Viele meiner Kollegen sind bei
Versicherungen gelandet, so Josef Tonhauser.
Rainer Schmidt wurde Landestrainer Thüringen,
Jochen Danneberg ging nach Südkorea und
arbeitet heute in der Schweiz. Für mich
war ein ganz wichtiger Kollege Holger Greiner-Petter,
der mit mir zusammen Andre Kiesewetter zum V-Stil
geführt hatte. Für ihn war kein Platz
mehr da, obwohl ich mich sehr bemühte.

Reinhard
Heß war früher nicht ein so bekannter
Skispringer wie die von Ihnen genannten. Wo
und wann erzielten Sie Ihren weitesten Sprung
und nennen Sie uns bitte ein paar Stationen
der eigenen sportlichen Laufbahn?
Reinhard
Heß :
Der weiteste Sprung waren 112 Meter im Oberschönauer
Kanzlersgrund bei Oberhof. Das muß so
1964 gewesen sein. Im gleichen Winter wurde
ich DDR-Jugendmeister. Mein sportlicher Werdegang:
1956 Eintritt bei Chemie Lauscha, 1961 Aufnahme
in die Kinder- und Jugendsportschule Zella-Mehlis
mit Abschluß 1964 des Abiturs. Dann hatte
ich die große Freude, dass mich damals
Cheftrainer Hans Renner als jüngstes Mitglied
in die Nationalmannschaft aufnahm. Ich war da
19. Doch damals war die Mannschaft mit Helmut
Recknagel und Dieter Neuendorf an der Spitze
so stark. Renner sagte, dich baue ich für
die WM 1966 am Holmenkollen auf. Er hat also
große Erwartungen in mich gesetzt. Doch
seine Pläne und meine Hoffnungen erfüllten
sich nicht. Er ließ mich schnell fallen.
Das würde ich heute bei einem Athleten
nie tun.

Und
was kam danach?
Reinhard
Heß :
Aufgehört habe ich 1967, weil ich auch
einige Rückenprobleme hatte. Fernstudium
an der DHfK-Außenstelle in Erfurt, zur
gleichen Zeit Sportlehrer ohne Ausbildung, protegiert
durch meinen KJS-Direktor Werner Schmidt, dem
Vater von Rainer. Er hat gesagt, ich bezahle
dich, fang an. 600 Mark habe ich gekriegt. Er
sagte, geh du mal in Zella-Mehlis eine Skisprung-Gruppe
aufbauen, gewissermaßen den Nachwuchs
für die KJS. Er hat mich zu gut deutsch
einfach ins kalte Wasser geworfen.

In
dem Büchlein des Sportverlages "Martin
Schmitt, der Überflieger" bescheinigen
Ihnen Ihre Kollegen aus dem Schwarzwald und
den anderen Gebirgen, dass Sie mehr System
in den altbundesdeutschen Skisprung gebracht
haben. Sie meinen, gut trainiert haben sie auch,
aber sie haben es nicht verstanden, sich immer
richtig auf Höhepunkte vorzubereiten.
Reinhard
Heß :
Das primäre an meinem Konzept war und ist,
dass ich nicht planlos durch die Lande
wirtschafte, dass es schon ein Grundgerüst
gibt, ohne das Wort Planwirtschaft zu übernehmen.
Aber ich habe immer gesagt, bei mir wird eines
nicht passieren: Training aus dem Bauch heraus.
Das habe ich immer sehr oft gehört. Auch
im Fußball. Was aus dem Bauch rauskommt,
das ist schlechte Luft, von oben oder unten.
Ich bin für ein System, denn irgendwann
muß ich nach einem Zyklus eine Analyse
machen. Und da muß ich wissen, was hast
du richtig und was hast du falsch gemacht. Auch
was man falsch gemacht hat, das ist eine Erkenntnis.
Wenn ich in jeder Situation mein System umschmeiße,
dann weiß ich nicht mehr, was richtig
und was falsch ist. Diese Dinge habe ich gesehen.
Als ich das Amt angetreten habe, sagte ich mir,
das wird dir nicht passieren. Und das war nicht
so einfach, solch ein System durchzubringen.

War
es ein Vorteil, dass Sie einen Lauschaer
Sturkopf hatten oder ist es ein Charakterzug
von Ihnen, das, was Sie sich vorgenommen haben,
auch durchzuziehen?
Reinhard
Heß :
Das ist eine Lebenserfahrung. Ich meine, ich
bin nicht mehr der Jüngste und habe vielleicht
in meiner Jugend als Trainer auch nicht alles
richtig gemacht. Ein Gesichtspunkt ist auch
in meinem System integriert: alleine bist du
nichts. Du brauchst Bezugspersonen dort, wo
die Leute herkommen. Du brauchst Vertrauenspersonen,
sowohl in der einen wie in der anderen Richtung.
Und mach eines bitte nie, laß Leute nicht
irgendetwas abarbeiten. Du muß Leute auch
mal Fehler machen lassen. Du mußt sie
kreativ arbeiten lassen, auch wenn sie nicht
alles richtig machen. Und das ist hier sehr
gut rübergekommen. Ich war dann da, mit
ihnen über die Fehler zu sprechen. Und
das in allen Bereichen. Ich habe immer gesagt,
Leute, ob du zu einer Schnellkraftleistung kommst,
indem du die Leiter rückwärts raufkletterst
oder du dich nach vorn abstützt, ist mir
egal. Ein Springer muß bestimmte Werte
zum Zeitpunkt haben, wenn es darauf ankommt.

Viele
Leute sagen, dass der Altbundesbürger
eigentlich nicht gewöhnt ist, wenn ein
Trainer oder Cheftrainer Klartext spricht, weil
sie es nicht gewohnt sind und immer Schlangenlinien
fahren. Sie sind aber ein Klartextsprecher.
Ohne Probleme?
Reinhard
Heß :
Das höre ich sehr oft und bekomme auch
sehr viele Zuschriften, übrigens auch sehr
viele aus den Altbundesländern, die das
sehr positiv bewerten, wie ich mich verhalte,
wie ich Klartext spreche, nicht um den Brei
herumredet, auch einmal eine Antwort gebe, die
nicht Jedermann gefällt. Ich werde trotzdem
meinem Charakter treu bleiben.

Waren
Sie eigentlich als DDR-Trainer ein ähnlicher
Typ oder sind Sie erst durch den Vereinigungsprozess
so geworden?
Reinhard
Heß :
Viele sagen mir nach, dass ich in meinem
Berufsleben immer so ein Typ war. Mir hat das
auch mal Thomas Köhler in seiner damaligen
Funktion als Vizepräsident des DTSB, verantwortlich
für den Wintersport, nach einer Planverteidigung
gesagt. Ich hatte mich ernsthaft echauffiert
über einige Herren, die mir erklärten,
wie es eigentlich im Skisprung langgeht. Da
bin ich ausgeflippt und habe deren Plan aus
drei Meter Entfernung zerknüllt in den
Papierkorb geschmissen. Ich sagte ihnen, ihr
könnt mir mal den Buckel runterrutschen,
sucht euch einen anderen. Dann holte mich Köhler
nachher in sein Zimmer und sagte, endlich mal
ein couragierter Mensch. Ich dachte, es fällt
mir auf die Füße. Aber Pustekuchen.
Er sagte, du wirst deinen Weg gehen. Eigentlich
dachte ich, als ich sein Zimmer betrat, du kannst
deinen Hut nehmen und gehen.

Ist
es für Sie ein Vorteil, dass mit Thomas
Pfüller ein früherer leitender Angestellter
des DSLV der DDR in Berlin heute als Sportdirektor
des DSV in München tätig ist?
Reinhard
Heß :
Was soll ich darauf antworten? Ich gehe meinen
Weg alleine. Thomas hat in mir einen guten Partner,
wenn es darum geht, Leistungen zu produzieren.
Alles andere, das eine wie das andere, hat nichts
damit zu tun.

Michael
Uhrmann, der dreimalige Junioren-Weltmeister,
macht einen immer besseren Eindruck. Fliegt
er sich nun auch in Vikersund bei den WM frei?
Reinhard
Heß :
Du mußt auch dann, wenn ein Sportler neben
die Goldgrube springt, zu ihm halten und behutsam
mit ihm umgehen. Auch wenn das einigen Herren
nicht schmeckt. Er sagte bei einem Gespräch
im Bayrischen Rundfunk, wozu ich ihn mitgenommen
hatte, dass er in den drei Jahren nur drei
Bezugspersonen gehabt hat, die ihn immer wieder
Mut zugesprochen haben. Und eine davon war mit
Sicherheit ich. Der Michi hat sich durch dieses
Wellental durchgekämpft. Und jetzt kommt
er zurück. Ich habe das beim Sven Hannawald
schon erlebt und ich hänge auch noch an
Ronny Hornschuh, wo mir einige Thüringer
sagen, warum willst du den noch halten. Ich
sehe manchmal von ihm einen Sprung, den müssen
andere erst machen. Also muß in dem Menschen
und seinem System etwas innewohnen, wo man vielleicht
doch etwas längere Zeit braucht, um alles
herauszukitzeln, was in einem steckt. Wenn ich
erkenne, dass das Herz für den Skisprung
noch schlägt, wenn das Engagement da ist,
dann werde ich solche Leute schützen so
lange es möglich ist. Was mal da war, kommt
meist wieder. Es gibt natürlich Ursachen,
zum Beispiel, wenn du einen schweren Sturz hattest
oder zwei, drei, vier. Der eine verkraftet es,
der andere nicht.

Wie
erklärt sich der Aufschwung des Skisprungs
im Schwarzwald und wie der Niedergang im Erzgebirge
und im Vogtland?
Reinhard
Heß :
Im Schwarzwälder Skisprung gibt es eine
Entwicklung, da muß man schon 20 oder
25 Jahre zurückblicken. Ich habe das schon
früher aufmerksam verfolgt. Da hat ganz
bestimmt Ewald Roscher eine Aktie dran. Er und
Georg Thoma hatten immer einen Blick auf den
Nachwuchs, die ihn mit Hilfe der Wirtschaft
und einem eigenen System förderten. Sie
praktizierten Dinge, die sie von uns aus der
DDR übernommen, aber auf ihre Bedingungen
angewandt haben. Es wurden Kleinstschanzen gebaut,
es gab Cups für den Nachwuchs, die nicht
Spartakiade hießen. Sie hatten einen anderen
Namen. Statt einer KJS wurde das Skigymnasium
in Furtwangen eröffnet. Der Erfolg heute
wurde nicht aus dem Zufall geboren. Und sie
arbeiten mit dem Nachwuchs noch heute.

Sven
Hannawald hat im "Überflieger"-Büchlein
des Berliner Sportverlages erzählt, dass er als KJS-Schüler von Klingenthal in der
Schlußphase der DDR und danach mit mehr
Leidenschaft in den Diskotheken als auf den
Schanzen war und sein Leben erst radikal änderte
als er wie seine Eltern in den Schwarzwald umzog.
Hat der Rückgang in den früheren DDR-Talenteschulen
damit zu tun, dass nicht mehr ganz so streng
gelebt und trainiert wurde und wird?
Reinhard
Heß :
Man sollte auch jetzt nicht die Resultate, die
die KJS in Klingenthal und Oberwiesenthal erbrachten,
in den Dreck treten. Aber es war dort nicht
alles gut. Unsere Leute, so habe ich schon früher
gesagt, sind zu gut abgesichert. Es gab ein
Gesetz, egal wie es läuft, der Junge muß
einen Abschluß in der Schule haben. Eigentlich
konnte da auch jeder Milchtrinker durchkommen.
Denn das Leistungsprinzip war nicht so ausgeprägt.
Es hat kaum Situationen gegeben, wo die Eltern
eingeschaltet wurden, nehmt euren Jungen von
der Schule und seht zu, wie ihr nun damit fertig
werdet. Das war ja nicht so. Die Eltern hatten
ihre Sorgen los. Der Staat nahm sie ihm ab.

Die
Eltern von Sven Hannawald waren auch an der
Schanze in Willingen. Welchen Kontakt haben
Sie persönlich zu den Eltern Ihrer Skispringer
und helfen Ihnen die Eltern, das komplizierte
und straffe Trainingsprogramm durchzusetzen?
Reinhard
Heß :
Ich habe primär Kontakt zu den Athleten
und ihren Übungsleitern, zu allen Trainern.
Das ist für mich das wichtigste. Ich möchte
nicht Dinge an einem Kleiderständer hängen,
der dafür eigentlich nicht geeignet ist.
Es ist aber auch nicht so, dass ich die
Eltern nicht in die Dinge einbeziehe, was nicht
notwendig wäre. Ich kenne die Eltern sehr
gut, aber sie sind für den Prozess nur
dann notwendig, wenn auch ich erkenne, jetzt
müssen wir etwas tun. Ansonsten haben wir
es mit mündigen und erwachsenen Menschen
zu tun. Wir müssen miteinander auskommen.
Es geht niemals um mich und mir zu helfen, sondern
immer um den Athleten.

Letzte
Frage: wer ist der Mensch, zu dem sie hingehen
können, wenn Sie selbst einmal in einer
persönlichen Krise sind?
Reinhard
Heß :
Es ist primär meine Frau. Sie war Sportlerin
an der KJS Zella-Mehlis, dort haben wir uns
kennengelernt. Sie ist als Turnerin hingekommen,
war dann in der Umstrukturierung Skilangläuferin,
mußte dann wegen einer Blutkrankheit,
ich sage heute Gott sei Dank, aufhören.
Wir haben eine Tochter, sie ist 28. Ihre Tochter
ist jetzt neuneinhalb Monate alt und hört
auf den Vornamen Linda.
Schönen Dank, Reinhard.

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