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  Interview Walter Hofer/ 28.10.2003
  "Die Zeit der Schanzenrekorde ist vorbei"


Er wird seinen 50. Geburtstag während der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft in Oberstdorf in aller Stille feiern, weil er kein Mann großer Auftritte oder großer Worte ist.
Walter Hofer, seit zwölf Jahren "Herr der Schanzen" beschreibt im Interview mit www.skispringen.com, was das Skisprungkomitee der FIS dazu bewogen hat, erneute Regeländerungen vorzunehmen, wie er Aktivitäten in China und Russland rund um den Sprunglauf beurteilt und was er sich von der neuen Saison erwartet.

Walter Hofer, nach den dürftigen Zuschauerzahlen in Val di Fiemme und Innsbruck hat es einige kritische Stimmen gegeben, die den Wert des Sommer Grand Prix in Frage stellen.
Wie stehen Sie dazu?
Walter Hofer: "Wir haben den Sommer Grand Prix sehr restriktiv geplant, was die Anzahl der Wettkämpfe betrifft - und wissen Sie was? Es gab genügend Länder, die ein Springen hätten ausrichten wollen. Wir von der FIS beschränkten uns absichtlich auf vier Termine, es hätten locker auch zehn sein können.
Wie es in Zukunft weiter geht? Diese Frage gebe ich an die Mitgliedsverbände des Internationalen Skiverbandes weiter.
Sie sind es, die für die weitere Entwicklung des Sommerspringens gefragt sind".

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Der Sommer Grand Prix ist ja für die FIS eine interessante Zeit des Testens. Neue Regeln, neues Material werden ausprobiert.
Es gibt wieder andere Maße, die die Springer beachten müssen. Der Anzug muss anliegend sein, die Toleranz liegt bei sechs Zentimetern, gemessen werden kann überall.
Der Laie stellt sich die Frage: ist es nun denn nicht endlich genug mit den Neuerungen?
Walter Hofer: "Wenn man sich erinnert, hat die Zeit der Reformen begonnen, als wir im Skisprunglager mit dem Thema Untergewichtigkeit konfrontiert wurden.
Vor drei oder vier Jahren hätten wir mit radikalen Änderungen eine ganze Athletengeneration ausradieren können.
Das wollten wir nicht, wir sind den Weg der kleinen Schritte gegangen, und wir haben uns auf den Anzug konzentriert, da dieser kostengünstiger zu verändern ist als Sprungski oder Schanzenprofile. Heuer mussten wir zwei anstelle von einem Schritt machen, da unsere Regeln im Vorjahr von den Mannschaften anders interpretiert worden waren.
Nun sehe ich nach den Beobachtungen im Sommer unsere Bemühungen am Ziel: es wird nicht noch mehr Einschnitte geben im Materialsektor, weil wir ansonsten riskieren, den K-Punkt bei einem Rückenwindspringen nicht mehr zu erreichen".

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Das neue Material macht eine größere Anlaufgeschwindigkeit von einem bis 1,5 Stundenkilometer notwendig. Was ändert sich?
Walter Hofer: "Der Unterschied ist schnell erklärt.
Mehr Aerodynamik, gegeben durch einen großen Anzug und ein leichtes Gewicht, bedeutete im Vorjahr:
geringe Anlaufgeschwindigkeit, dadurch geringere Absprunggeschwindigkeit, eine flache Flugkurve, eine geringe Flughöhe und ein spitzer Landewinkel, deswegen auch ein geringer Landedruck.
Sehr große Weiten können noch gestanden werden, aber die Streuung zwischen den guten und weniger guten Sprüngen ist sehr groß.
Nun haben wir mit den neuen Materialvorgaben einmal mehr die Athletik forciert.
Dies bedeutet: eine größere Anlaufgeschwindigkeit und dadurch eine größere Absprunggeschwindigkeit, eine höhere Flugkurve, dadurch ein hoher Luftstand, ein weniger spitzer Landewinkel, dadurch auch ein hoher Landedruck.
Es können nicht mehr so große Weiten gestanden werden, aber durch die geringere Streuung des Feldes wird der Wettkampf spannender. Das gesamte Feld rückt enger zusammen, aber große Weiten werden ausbleiben".

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Verstehen wir Sie richtig? Keine Schanzenrekorde, keine Weltrekorde?
Walter Hofer: "In der Theorie ist die Zeit der Rekordsprünge und -flüge vorbei. Bei extrem guten Bedingungen werden sicher große Weiten erreicht, aber dann stellt sich ein anderes Problem: es wird für den Akteur schwieriger, diese Versuche zu stehen.
Das Springen wird jedenfalls spektakulärer, aber nicht gefährlicher. In Innsbruck kam das gesamte Feld über den
K-Punkt, aber kein einziger zu weit".

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Sie erklären, dass sich das Feld zusammenzieht.
Kann man da noch zwischen gutem und schlechtem Sportler differenzieren?
Walter Hofer: "Auch wenn der Unterschied in einem Durchgang zwischen zwei Springern nicht mehr drei oder vier Meter betragen wird wie im Vorjahr, sondern einen oder zwei, so bleibt die Situation für den schwächeren Springer gleich.
Es wird ihm genau so schwer fallen, den kleineren Rückstand aufzuholen wie er im Vorjahr chancenlos war, den größeren zu egalisieren. Prinzipiell ist aber festzuhalten, dass wir viel weniger schlechte Sprünge sehen werden, und das wird unserer Disziplin sicherlich gut tun".

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Wenn das Gros des Feldes auf den gleichen Punkt hinspringt, muss angedacht werden, die Weite nicht in halben Metern, sondern vielleicht in Zentimetern zu messen.
Walter Hofer: "Messtechnisch wären wir in der Lage, jeden Sprung bis auf fünf Zentimeter Genauigkeit zu vermessen.
Doch dagegen spricht das biologische System Mensch:
rund 1,60 bis 1,80 m groß, einen halben Meter breit, 60 bis 70 kg schwer. Wo liegt der Körperschwerpunkt? Wo messe ich was beim Telemark-Aufsprung, den der eine in anderer Form ausführt als der andere?
Ich bringe einen Vergleich: wenn der Speer in der Erde steckt, kann die Weite auf den Zentimeter genau bestimmt werden. Fällt er flach auf, ist der Versuch ungültig. Fazit: Alles, was bei uns Springern präziser ist als ein halber Meter, ist derzeit nicht zielführend, weil verzerrend".

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Vom Reglement zur Medizin: Bei den Alpinen Skifahrern wird nunmehr auch auf das anabole Steroid Tetrahydrogestrinon (THG) getestet. Bei den Skispringern auch?
Walter Hofer: "Sicherlich. Die Doping-Liste der Antidopingkommission WADA gilt auch für uns. THG ist ein anaboles Steroid, würde den Kraftaufbau unterstützen.
Wir sind aber froh, dass es derzeit strenge Kontrollen gibt, dass wir aber noch keine positiven Fälle hatten".

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Sie waren kürzlich in Moskau, und man munkelt, dass es bald schon wieder Weltcupspringen in Russland geben wird.
Wie konkret sind die Pläne?
Walter Hofer: "Derzeit wenig konkret. Ich war in Moskau, um Lobbying für den Skisprung-Sport zu betreiben.
Ich zeigte Funktionären des Nationalen Olympischen Komitees, des Skiverbandes und politischen Vertretern des Großraums Moskau auf, welch Potenzial sie im Skispringen hätten.
Es gibt einige Schanzen, und es gibt eine glanzvolle Vergangenheit mit Springern wie Zakadse, Kamenski oder Napalkov. Es ist die Aufgabe der FIS, Länder auf ihre Tradition im Nordischen Skisport aufmerksam zu machen und sie zu unterstützen.
Ich glaube, dass in drei bis fünf Jahren in Russland internationale Wettbewerbe stattfinden könnten.
Im nächsten Frühjahr werde ich mich drei Tage in Moskau aufhalten, potenzielle Wettkampfstätten besichtigen und mit Rat und Tat bei der Ausarbeitung eines konkreten Plans zur Verfügung stehen".

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In Dubai soll ja auch eine Sprungschanze entstehen...
Walter Hofer: "Das ist ein Projekt Dritter, das nichts mit einem nationalen Verband zu tun hat. In Moskau sind die ersten Akzente gar von der FIS gesetzt worden. Die FIS hat, wie in Polen oder anderswo, Initiativen gesetzt, den ersten Vorstoß gemacht".

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Und wann wird in China gesprungen?
Walter Hofer: "Die Schanze in Harbin wurde bereits in den 90-er Jahren erbaut, es wurden dort auch Winter-Asienspiele abgehalten. Doch ich sehe Russland mittelfristig, China langfristig. Derzeit arbeitet der Verband mit privaten Investoren aus der Wirtschaft und Trainer Heinz Koch am Aufbau einer Mannschaft, 2006 wollen die Asiaten in Turin ein Team stellen. Von Seiten des Internationalen Skiverbandes erhält China alle Informationen, die benötigt werden, und Kontakte laufen auf informativem Wege. Aber ein Weltcupspringen in China?
Da vergehen, glaube ich, noch zehn Jahre".

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Von der Zukunft in die Gegenwart. Was sind Ihre Erwartungen für die neue Saison?
Walter Hofer: "Ich glaube an die Fortsetzung der Tendenz mit vielen verschiedenen Siegern, an ein starkes Wiederaufleben traditioneller Nationen wie Slowenien und Tschechien, an eine starke zweite Garnitur Polens und an Siege der Top-5-Nationen Deutschland, Österreich, Finnland, Norwegen und Japan.
Was ich hoffe: dass neue Gesichter - Kokkonen, Morgenstern, Romoeren - den Arrivierten das Leben schwer machen, dass uns aber etablierte Sportler leistungsmäßig nicht wegfallen und als Opinion leaders erhalten bleiben. Wir können nicht auf einen Ahonen oder Goldberger oder Schmitt verzichten, und wollen es auch nicht. Ob es ein Jahr des Umbruchs ist? Das sage ich Ihnen in sechs Monaten..."

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Sie sind seit zwölf Jahren in der FIS als Renndirektor tätig? Schon mal gedacht, Ihre Tätigkeit zu beenden?
Walter Hofer: "Mein Gott, zwölf Jahre. Mir kommt es vor, als hätte ich diesen meinen Aufgabenbereich gerade erst übernommen - zumindest sehe ich noch gleich viel Arbeit vor wie hinter mir".

Walter Hofer, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg in der neuen Saison!
 
















 
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