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  Interview Walter Hofer, FIS Renn-Direktor (09.01.2001)
  Der" Macher" im Gespräch


   
"Doping bringt momentan im Skispringen gar nichts"


Der Mann hat kritische Entscheidungen zu vertreten. Er muß heikle Fragen beantworten: Warum ein Anlauf verkürzt oder verlängert wird, warum das Springen abgesagt werden mußte.
Wie der Springer so schlimm stürzen konnte. Wieso die Sprungski neue Maße haben sollen, wieso die Anzüge.
Er vertritt die FIS vor Ort, wenn es darum geht, vor der Öffentlichkeit Stellung zu beziehen. Mit einer Ruhe und Sachlichkeit, die Bewunderung verdient. Gerade, weil er es im Prinzip nie allen Recht machen kann, weil es gilt, die Interessen von nationalen Verbänden (deren Dachverband die FIS darstellt), Athleten,
Veranstaltern, Zuschauern und Medien unter einen Hut zu bringen. Nebenbei muß die komplexe Sportart Skispringen den stetigen Veränderungen (Material, Schanzen, Springer) angepaßt werden, ohne den Sport zu verfälschen.
Der vom Schweden Jan Bokloev geprägte V-Stil hat dem Skispringen Ende der 80er/ Anfang der 90er einen großen Einschnitt beschert.
Die Aerodynamik gewann an Bedeutung, weil durch das größere Luftpolster im Vergleich zur parallelen Haltung bei gleicher Geschwindigkeit weitere Flüge möglich wurden. Mit den Parallelspringern sind bis auf wenige Ausnahmen auch die athletischeren, kräftigeren Typen unter den Springern verschwunden.
Waren Matti Nykänen und Jens Weißflog in den 80er Jahren auch in der Hinsicht Ausnahmeerscheinungen, dass sie als “Springerflöhe” die Konkurrenz dominierten, ist das Feld heute geprägt von kleinen und schmächtigen Springern.
Zwei-Meter-Kleiderschränke mit 130 kg haben das Springen nie bestimmt. Das wäre wie mit 1,50 m im Basketball einen Slam-Dunk einzudrücken - gegen Shaq O´Neil und ohne Trampolin. Beunruhigend ist, wenn man Worte wie “Gewicht machen” in Springerkreisen hört.
Ein paar Kilo weniger, ein paar Meter mehr. Funktioniert die Gleichung ? Das IOC führt zur Zeit mit der FIS eine Studie an der Universität Graz durch, die dieses Thema berührt.

Mit Walter Hofer sprechen wir über Reglementsveränderungen und die Studie in Graz.

  Seit dem Sommer-Grand-Prix gibt es zwei wesentliche Veränderungen im Reglement.
Die Ski dürfen nur noch auf einer Länge von 45 cm ihre Maximalbreite von 11,5 cm erreichen und es gibt keine vorgeschrieben Maximallänge mehr (bisher max. 146 % der Körpergröße, aber nicht mehr als 270 cm).
Der Anzug maximal 10 % größer sein als die Körpermaße des Springers. Was waren die Ziele dieser Maßnahmen und wie sind Sie mit der Entwicklung zufrieden ?

  Walter Hofer :
Der Ausgangspunkt ist immer, dass man das Springen unglaublich komplex betrachten muß. Wir haben jetzt eine Sportart, die sich auszeichnet durch eine geringe Anlaufgeschwindigkeit, flache Flugkurve und weite Flüge (aufgrund der flachen Flugkurve und des geringen Landedrucks). Mit diesem momentanen Erscheinungsbild sind wir unglaublich zufrieden.
Es sind aber zwei, drei Begleiterscheinungen aufgetreten wie die Diskussion um die leichtgewichtigen Athleten und die Steuerung des Wettkampfes bei schwierigen Witterungsbedingungen. Nachdem sich die Sportart mit diesem Erscheinungsbild von einer Kraftsportart ein wenig in Richtung Techniksportart in aerodynamischem Sinne entwickelt hat, haben wir versucht, beim Material eine leicht restriktive Maßnahme zu setzen.
Wir wollten von der Aerodynamik ein bißchen wegnehmen, um das Ganze auf einen Mittelwert zwischen Athletik und Aerodynamik zurückzuschieben und den Athleten mehr in die Trainingsmethodik zurückzuführen.
Das hat natürlich zur Folge, dass die Flugkurve höher wird, weil der Athlet mehr springt als gleitet, und nicht mehr die maximalen Weiten erreicht werden wie in den letzten Jahren. Das macht aber nichts, weil der Wettkampf trotzdem spannend bleibt, da das Feld näher zusammenrückt.
Solche Veränderungen entstehen aus dem Beobachten heraus, da es keine gesicherten Daten gibt. Wir sind froh, dass sich unser “Augenmaß”, das wir im Sommer überprüft haben, bestätigt hat. In Kuopio hat sich gezeigt, dass uns keiner davongesprungen ist.
Trotz der schwierigen Bedingungen war keiner zu kurz, keiner zu weit. Die Anzahl der Wettkämpfe war bisher noch zu gering, um eine tatsächliche Rückmeldung zu haben. Aber zumindest tendentiell sind wir auf dem richtigen Weg.

  Sie haben mit “Leichtgewichte” ein Stichwort gegeben. Skispringen wird immer wieder mit Abmagerei, von bösen Zungen sogar mit Magersucht in Verbindung gebracht. Wie sehen Sie das ?

  Walter Hofer :
Skispringen steht als momentan plakative Sportart im Mittelpunkt. Für uns ein wesentlicher Aspekt ist dabei die Vorbildwirkung. Die Sportart hat einen sehr hohen aerodynamischen Anteil, d.h. physikalisch gesehen ist Gewicht immer ein Thema.
Es ist aber schlecht, wenn wir der Jugend suggerieren, dass man nur zur Weltspitze kommen kann, wenn man sozusagen am unteren Limit des Gewichts balanciert.
Ich glaube, dass wir mit der ersten Untersuchung, die wir zusammen mit dem IOC auf höherer Ebene durchführen, zeigen können, dass zumindest unter den ersten 15-20 des Weltcups keine Typen vorhanden sind, die gefährdet sind, in eine Magersucht abzugleiten.
Es ist zwar so, dass die Athleten durch das Reglement selektiert werden. Die sind schmal und leichtgewichtig.
Das heißt aber nicht, dass sie dadurch krank sind ! Das ist ein ganz wesentlicher Unterschied ! Wir wollen aber, einfach um aus der Diskussion rauszukommen, ein wenig gegensteuern, indem wir die Athletik forcieren, so dass wir überhaupt nicht in die Gefahr kommen, dass so etwas passiert.
Die Sportart ist durch verschiedene Vorkommnisse in dieses Licht gerückt worden...

  Welche Vorkommnisse meinen Sie ?

  Walter Hofer :
Es ist in den Medien sehr plakativ mit dem Wort “Magersucht” spekuliert worden. Ich kann aus meiner Beobachtung heraus nur sagen, dass unsere Athleten speziell im Weltcup gut betreut sind durch ein ganzes Team aus Ärzten und Betreuungspersonal. D.h. da passiert nichts.
Ich habe auch einen Beweis dafür. Man muß die Länge der Wintersaison betrachten. Sollte es wirklich jemand geben, der sozusagen am unteren Limit arbeitet, holt den früher oder später das Immunsystem ein. Der steht so eine Saison nicht durch. Wenn man die Ergebnislisten anschaut, stehen unsere Spitzenathleten die komplette Saison von der Eröffnung bis zum Ende durch.
Das würde keiner schaffen, der krank ist. Es gibt momentan also keinen konkreten Hinweis. Trotzdem sollten wir prophylaktisch und präventiv einen Schritt in Richtung Athletik machen.

  Die angesprochene Untersuchung ist die Studie in Graz ?

  Walter Hofer :
Ja. Das ist eine vom IOC initiierte Studie. Hauptbeauftragt wurde die Universität Graz. Aber sämtliche Institute, die sich mit Skispringen beschäftigen, sind in diese Studie integriert.

  Können Sie kurz umreißen, worum es dabei geht ?

  Walter Hofer :
In erster Linie um eine Datenerhebung. Wie schaut unser “Probandengut”, wenn ich das so sagen darf, also unsere Athleten, aus ? Im Bezug auf den Body-Maß-Index, auf die Relationen zwischen Körpergröße und Körpergewicht. Diese Phase ist eigentlich abgeschlossen. Jetzt werden noch einige Windkanalstudien unternommen, um das Ganze zu erhärten. Als erstes Ergebnis kann man aber bereits festhalten, dass das, was der Sportart angedichtet wird (siehe oben !), nicht vorhanden ist. Als Paradebeispiel kann ich nur den Martin Schmitt erwähnen, der gut 8kg über dem Limit liegt, das als kritisch anzusehen wäre.

  Hat die FIS neben Regeländerungen oder den erwähnten Studien andere Möglichkeiten der Einflußnahme ? Können Sie z.B. auf einer persönlichen Ebene mit den Athleten über das Thema sprechen oder ist das tabu ?

  Walter Hofer :
Zunächst möchte ich betonen, dass die Athleten zwar die Hauptmitglieder der FIS sind, aber in den Händen der nationalen Verbände liegen. Ich kann aber darauf hinweisen, dass - gerade was dieses Thema angeht – wir uns immer wieder mit den Athleten zusammensetzen, momentane Tendenzen und Probleme besprechen.
Wir haben währdend des gesamten Sommer-Grand-Prix sehr intensiv zusammengearbeitet. Den Athleten war die Problematik bewußt genau wie uns. Mit ihnen zusammen haben wir die Regelungen mit Anzug und Ski geschaffen und die ziehen wir jetzt auch durch. Das ist ein Super-Beispiel dafür, wie man gemeinsam eine erkannte Problematik lösen kann.

  Spätestens seit der letzten Sommer-Olympiade ist Doping wieder in aller Munde. Ist das ein Thema im Skispringen ?

  Walter Hofer :
Erstens ist die FIS ist ein sehr strenger internationaler Verband. Zweitens hat sich die Sportart seit ich dabei bin - also die letzten 20 Jahre - in Richtung Technik entwickelt, so dass die Ansatzpunkte für Doping sehr gering sind.
Drittens durfte ich lange Zeit mit Spitzenathleten zusammenleben. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein echter Sieger einen Sieg ohne Tricks und Zusatzmittel erringen will. Ein echter Champion will einen Gegner mit seinen eigenen Möglichkeiten bezwingen. Das ist meine Erfahrung. Ich kann sicher für keinen die Hand ins Feuer legen.
Aber wir hatten die letzten 20 Jahre trotz der dichten Kontrollsysteme, die wir besitzen, nie ein Problem. Ich bin kein medizinischer Experte, aber ich würde behaupten, dass Doping im Skispringen momentan auch gar nichts bringt. Denn ein wesentliches Kriterium im Skispringen ist nicht die maximale, sondern die relative Sprungkraft.



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