|
"Doping
bringt momentan im Skispringen gar nichts"
Der Mann hat kritische Entscheidungen zu vertreten.
Er muß heikle Fragen beantworten: Warum
ein Anlauf verkürzt oder verlängert
wird, warum das Springen abgesagt werden mußte.
Wie der Springer so schlimm stürzen konnte.
Wieso die Sprungski neue Maße haben sollen,
wieso die Anzüge.
Er vertritt die FIS vor Ort, wenn es darum geht,
vor der Öffentlichkeit Stellung zu beziehen.
Mit einer Ruhe und Sachlichkeit, die Bewunderung
verdient. Gerade, weil er es im Prinzip nie
allen Recht machen kann, weil es gilt, die Interessen
von nationalen Verbänden (deren Dachverband
die FIS darstellt), Athleten,
Veranstaltern, Zuschauern und Medien
unter einen Hut zu bringen. Nebenbei muß
die komplexe Sportart Skispringen den stetigen
Veränderungen (Material, Schanzen, Springer)
angepaßt werden, ohne den Sport zu verfälschen.
Der vom Schweden Jan Bokloev geprägte V-Stil
hat dem Skispringen Ende der 80er/ Anfang der
90er einen großen Einschnitt beschert.
Die Aerodynamik gewann an Bedeutung, weil durch
das größere Luftpolster im Vergleich
zur parallelen Haltung bei gleicher Geschwindigkeit
weitere Flüge möglich wurden. Mit
den Parallelspringern sind bis auf wenige Ausnahmen
auch die athletischeren, kräftigeren Typen
unter den Springern verschwunden.
Waren Matti Nykänen und Jens Weißflog
in den 80er Jahren auch in der Hinsicht Ausnahmeerscheinungen,
dass sie als Springerflöhe
die Konkurrenz dominierten, ist das Feld heute
geprägt von kleinen und schmächtigen
Springern.
Zwei-Meter-Kleiderschränke mit 130 kg haben
das Springen nie bestimmt. Das wäre wie
mit 1,50 m im Basketball einen Slam-Dunk einzudrücken
- gegen Shaq O´Neil und ohne Trampolin.
Beunruhigend ist, wenn man Worte wie Gewicht
machen in Springerkreisen hört.
Ein paar Kilo weniger, ein paar Meter mehr.
Funktioniert die Gleichung ? Das IOC führt
zur Zeit mit der FIS eine Studie an der Universität
Graz durch, die dieses Thema berührt.
Mit Walter Hofer sprechen wir über Reglementsveränderungen
und die Studie in Graz.
Seit
dem Sommer-Grand-Prix gibt es zwei wesentliche
Veränderungen im Reglement.
Die Ski dürfen nur noch auf einer Länge
von 45 cm ihre Maximalbreite von 11,5 cm erreichen
und es gibt keine vorgeschrieben Maximallänge
mehr (bisher max. 146 % der Körpergröße,
aber nicht mehr als 270 cm).
Der Anzug maximal 10 % größer sein
als die Körpermaße des Springers.
Was waren die Ziele dieser Maßnahmen und
wie sind Sie mit der Entwicklung zufrieden ?
Walter
Hofer :
Der Ausgangspunkt ist immer, dass man das
Springen unglaublich komplex betrachten muß.
Wir haben jetzt eine Sportart, die sich auszeichnet
durch eine geringe Anlaufgeschwindigkeit, flache
Flugkurve und weite Flüge (aufgrund der
flachen Flugkurve und des geringen Landedrucks).
Mit diesem momentanen Erscheinungsbild sind
wir unglaublich zufrieden.
Es sind aber zwei, drei Begleiterscheinungen
aufgetreten wie die Diskussion um die leichtgewichtigen
Athleten und die Steuerung des Wettkampfes bei
schwierigen Witterungsbedingungen. Nachdem sich
die Sportart mit diesem Erscheinungsbild von
einer Kraftsportart ein wenig in Richtung Techniksportart
in aerodynamischem Sinne entwickelt hat, haben
wir versucht, beim Material eine leicht restriktive
Maßnahme zu setzen.
Wir wollten von der Aerodynamik ein bißchen
wegnehmen, um das Ganze auf einen Mittelwert
zwischen Athletik und Aerodynamik zurückzuschieben
und den Athleten mehr in die Trainingsmethodik
zurückzuführen.
Das hat natürlich zur Folge, dass die Flugkurve höher wird, weil der Athlet
mehr springt als gleitet, und nicht mehr die
maximalen Weiten erreicht werden wie in den
letzten Jahren. Das macht aber nichts, weil
der Wettkampf trotzdem spannend bleibt, da das
Feld näher zusammenrückt.
Solche Veränderungen entstehen aus dem
Beobachten heraus, da es keine gesicherten Daten
gibt. Wir sind froh, dass sich unser Augenmaß,
das wir im Sommer überprüft haben,
bestätigt hat. In Kuopio hat sich gezeigt,
dass uns keiner davongesprungen ist.
Trotz der schwierigen Bedingungen war keiner
zu kurz, keiner zu weit. Die Anzahl der Wettkämpfe
war bisher noch zu gering, um eine tatsächliche
Rückmeldung zu haben. Aber zumindest tendentiell
sind wir auf dem richtigen Weg.
Sie
haben mit Leichtgewichte ein Stichwort
gegeben. Skispringen wird immer wieder mit Abmagerei,
von bösen Zungen sogar mit Magersucht in
Verbindung gebracht. Wie sehen Sie das ?
Walter
Hofer :
Skispringen steht als momentan plakative Sportart
im Mittelpunkt. Für uns ein wesentlicher
Aspekt ist dabei die Vorbildwirkung. Die Sportart
hat einen sehr hohen aerodynamischen Anteil,
d.h. physikalisch gesehen ist Gewicht immer
ein Thema.
Es ist aber schlecht, wenn wir der Jugend suggerieren,
dass man nur zur Weltspitze kommen kann,
wenn man sozusagen am unteren Limit des Gewichts
balanciert.
Ich glaube, dass wir mit der ersten Untersuchung,
die wir zusammen mit dem IOC auf höherer
Ebene durchführen, zeigen können,
dass zumindest unter den ersten 15-20 des
Weltcups keine Typen vorhanden sind, die gefährdet
sind, in eine Magersucht abzugleiten.
Es ist zwar so, dass die Athleten durch
das Reglement selektiert werden. Die sind schmal
und leichtgewichtig.
Das heißt aber nicht, dass sie dadurch
krank sind ! Das ist ein ganz wesentlicher Unterschied
! Wir wollen aber, einfach um aus der Diskussion
rauszukommen, ein wenig gegensteuern, indem
wir die Athletik forcieren, so dass wir
überhaupt nicht in die Gefahr kommen, dass so etwas passiert.
Die Sportart ist durch verschiedene Vorkommnisse
in dieses Licht gerückt worden...
Welche
Vorkommnisse meinen Sie ?
Walter
Hofer :
Es ist in den Medien sehr plakativ mit dem Wort
Magersucht spekuliert worden. Ich
kann aus meiner Beobachtung heraus nur sagen,
dass unsere Athleten speziell im Weltcup
gut betreut sind durch ein ganzes Team aus Ärzten
und Betreuungspersonal. D.h. da passiert nichts.
Ich habe auch einen Beweis dafür. Man muß
die Länge der Wintersaison betrachten.
Sollte es wirklich jemand geben, der sozusagen
am unteren Limit arbeitet, holt den früher
oder später das Immunsystem ein. Der steht
so eine Saison nicht durch. Wenn man die Ergebnislisten
anschaut, stehen unsere Spitzenathleten die
komplette Saison von der Eröffnung bis
zum Ende durch.
Das würde keiner schaffen, der krank ist.
Es gibt momentan also keinen konkreten Hinweis.
Trotzdem sollten wir prophylaktisch und präventiv
einen Schritt in Richtung Athletik machen.

Die
angesprochene Untersuchung ist die Studie in
Graz ?
Walter
Hofer :
Ja. Das ist eine vom IOC initiierte Studie.
Hauptbeauftragt wurde die Universität Graz.
Aber sämtliche Institute, die sich mit
Skispringen beschäftigen, sind in diese
Studie integriert.

Können
Sie kurz umreißen, worum es dabei geht
?
Walter
Hofer :
In erster Linie um eine Datenerhebung. Wie schaut
unser Probandengut, wenn ich das
so sagen darf, also unsere Athleten, aus ? Im
Bezug auf den Body-Maß-Index, auf die
Relationen zwischen Körpergröße
und Körpergewicht. Diese Phase ist eigentlich
abgeschlossen. Jetzt werden noch einige Windkanalstudien
unternommen, um das Ganze zu erhärten.
Als erstes Ergebnis kann man aber bereits festhalten,
dass das, was der Sportart angedichtet
wird (siehe oben !), nicht vorhanden ist. Als
Paradebeispiel kann ich nur den Martin Schmitt
erwähnen, der gut 8kg über dem Limit
liegt, das als kritisch anzusehen wäre.

Hat
die FIS neben Regeländerungen oder den
erwähnten Studien andere Möglichkeiten
der Einflußnahme ? Können Sie z.B.
auf einer persönlichen Ebene mit den Athleten
über das Thema sprechen oder ist das tabu
?
Walter
Hofer :
Zunächst möchte ich betonen, dass die Athleten zwar die Hauptmitglieder der FIS
sind, aber in den Händen der nationalen
Verbände liegen. Ich kann aber darauf hinweisen,
dass - gerade was dieses Thema angeht
wir uns immer wieder mit den Athleten zusammensetzen,
momentane Tendenzen und Probleme besprechen.
Wir haben währdend des gesamten Sommer-Grand-Prix
sehr intensiv zusammengearbeitet. Den Athleten
war die Problematik bewußt genau wie uns.
Mit ihnen zusammen haben wir die Regelungen
mit Anzug und Ski geschaffen und die ziehen
wir jetzt auch durch. Das ist ein Super-Beispiel
dafür, wie man gemeinsam eine erkannte
Problematik lösen kann.

Spätestens
seit der letzten Sommer-Olympiade ist Doping
wieder in aller Munde. Ist das ein Thema im
Skispringen ?
Walter
Hofer :
Erstens ist die FIS ist ein sehr strenger internationaler
Verband. Zweitens hat sich die Sportart seit
ich dabei bin - also die letzten 20 Jahre -
in Richtung Technik entwickelt, so dass die Ansatzpunkte für Doping sehr gering
sind.
Drittens durfte ich lange Zeit mit Spitzenathleten
zusammenleben. Ich habe die Erfahrung gemacht,
dass ein echter Sieger einen Sieg ohne
Tricks und Zusatzmittel erringen will. Ein echter
Champion will einen Gegner mit seinen eigenen
Möglichkeiten bezwingen. Das ist meine
Erfahrung. Ich kann sicher für keinen die
Hand ins Feuer legen.
Aber wir hatten die letzten 20 Jahre trotz der
dichten Kontrollsysteme, die wir besitzen, nie
ein Problem. Ich bin kein medizinischer Experte,
aber ich würde behaupten, dass Doping
im Skispringen momentan auch gar nichts bringt.
Denn ein wesentliches Kriterium im Skispringen
ist nicht die maximale, sondern die relative
Sprungkraft.

|