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Gold in Torino. Immer dann, wenn Mika Kojonkoski
sein norwegisches Mobil-Telefon aus der Tasche
zieht und es aktiviert, leuchtet ihm eine dunkle
Schrift auf hellem Grund entgegen: Gold in Torino.
Die personifizierte Begrüßung hat
er sich erst letzthin zugelegt, nachdem der
Finne seinen Vertrag beim norwegischen Skiverband
über das Jahr 2004 hinaus verlängert
hat, bis 2006 - bis zu den Olympischen Winterspielen
in Italien.
Damit wird der 40-jährige Mika Kojonkoski
in gewisser Art und Weise seiner Philosophie
untreu. Bevor er in Norwegen anheuerte, war
er drei Jahre in Finnland tätig gewesen,
und wieder zuvor zwei Winter in Österreich.
2006 wird der Finne mit dem sympathischen Lächeln
und den leuchtenden Augen aber eine gesamte
Olympiade, vier Jahre, dem Nationalteam eines
Landes vorgestanden sein. Spätestens 2006
wird die Skisprung-Szene wissen, was der Trainer
Kojonkoski tatsächlich wert ist.
Über den Mann aus Kuopio, der als Juniorenspringer
temporären Ruhm in seinem Land errang und
sich später mit Wachstum, Formkrisen und
Matti Nykänen herumschlug, herrscht in
der Fachwelt keine einhellige Meinung. Aufgrund
seiner sportwissen- schaftlichen Ausbildung
wird er als Experte bezeichnet, als einer der
besten Trainer im Weltcup (und regelmäßige
Angebote aus verschiedenen Ländern belegen
dies). Andererseits hat der Trainer Kojonkoski
keinen Springer oder keine Mannschaft zu einer
Goldmedaille bei einer Großveranstaltung
geführt. Mit Österreich waren dritte
Ränge das Höchste der Gefühle,
mit Finnland zweite Plätze. Aber auch wenn
der Rückstand zum Sieger 0,1 Punkte beträgt,
wie im Olympischen Mannschafts-wettkampf 2002
Gold ist Gold, und Silber ist Silber.
Was also tun mit einem Mann, der augenscheinlich
im Stande ist, defizitäre Bereiche zu optimieren,
aber keinen Siegspringer heranzubilden?
Kojonkoskis Worte sind keine Verteidigung (die
er nicht benötigt), sondern Versuche einer
Erklärung. Als ich nach Österreich
kam, hatte Andreas Goldberger den Gesamtweltcup
unter den ersten fünf beendet, Martin Höllwarth
war als Zweitbester des Landes auf Platz 21
gekommen. Als ich kam, lag der ÖSV gerade
mit Goldberger im Clinch. Zu Saisonende hatten
wir sechs Sportler unter den ersten 16 und einige
Weltcupsiege gefeiert. Dann wechselte ich nach
Finnland. Dort war Janne Ahonen unter den ersten
fünf zu finden gewesen, Ville Kantee als
sein Kronprinz auf Rang 29. Am Ende hatten wir
sechs Sportler unter den ersten 18 und standen
mit sechs verschiedenen Athleten auf dem Podest.
In Norwegen war die Situation bei seinem Erscheinen
noch dramatischer als in Österreich und
in Finnland. Im ersten Jahr seiner Tätigkeit
feierte das Norge-Team mit Sigurd Pettersen
einen Weltcupsieg nach Jahren der Abstinenz
vom höchsten Treppchen des Podests. Meine
Philosophie ist, dass die Herausforderung der
Trainerarbeit darin besteht, das Niveau der
gesamten Mannschaft zu heben. Ich glaube, überall
eine gute Arbeit verrichtet zu haben, auch in
Österreich, wo ich Einfluss nehmen konnte
auf eine neue Trainingskultur. Doch wenn jetzt
die junge Garde in rotweißrot in den Weltcup
aufrückt, kann ich mich nicht ganz darüber
freuen. Ich ernte nicht, was ich mitgesät
habe. Ist das Niveau eines Teams hoch, kann
der Betreuer daran gehen, einen Siegspringer
auszubilden. Doch den letzten Schritt muss der
Sportler immer alleine gehen. Er sitzt alleine
auf dem Zitterbalken, er muss also extrem stark
sein, und er muss Glück haben.
Stark genug für Gold schätzt Mika
Kojonkoski heute noch sein Team während
der Olympischen Winterspiele 2002 ein. Der Trainer
hatte einen Traum: Gold mit Finnland, beim Teambewerb
im Zeichen der fünf Ringe. Es wurde Platz
zwei, mit dem kleinstmöglichen Rückstand.
"War es Schuld des Trainers?", fragt
er sich heute und kann sich in die Beantwortung
der Frage dermaßen hineinsteigern, dass
gemerkt wird: die Niederlage sitzt immer noch
tief. Hatten wir Pech? Oder war es etwas
anderes? Wurde gründlich genug gemessen?
0,1 Punkte sind umgerechnet 16 Zentimeter. Jeder
Sprung wird auf einen halben Meter Genauigkeit
gemessen. Und wir sind acht Mal gesprungen
Kojonkoskis Fazit lässt Raum für Spekulationen:
Jemand fällte eine Entscheidung,
dass Gold nicht für uns bestimmt war
aber wir waren nicht schlechter als Deutschland.
Als Mika Kojonkoski vor zehn Jahren mit dem
Trainerjob begann, sah er Kollegen, die nicht
gerade motiviert bei der Sache waren. Und er
schwor sich, nicht zu werden wie sie. Doch bevor
er die Unterschrift unter jenen Vertrag setzte,
der ihn bis 2006 an Norwegen binden wird, überlegte
er es sich einen Sommer lang gründlich.
Es gab ein Argument, ein starkes Argument, den
Trainerjob an den Nagel zu hängen: das
Angebot seiner konservativen, rechtsgerichteten
Partei, für die er seit acht Jahren im
Stadtrat von Kuopio sitzt, im Frühsommer
2004 zu kandidieren: für einen Posten als
EU-Parlamentarier.
Den vergangenen Sommer verbrachte Kojonkoski
gefangen in einem Dilemma, Antwort auf die Frage
suchend, was er denn nun tun wolle. Letztlich
entschied er sich für den Sport, weil er
in sich die Motivation verspürte, weiter
zu machen, und weil er wusste, dass er mit seinen
Taten noch nicht am Ende war. Wichtige
Personen haben mich Richtung Politik gepusht,
hätten auch meine Wahlkampagne unterstützt,
sagt er heute, gedankenverloren. Es hätte
eine interessante Aufgabe sein können
aber ich war nicht bereit, abzuspringen, vom
Skispringen Abschied zu nehmen.
Als letzthin der finnische Ilta-Sanomat einen
Artikel über ihn brachte, wurde dieser
auszugsweise von der norwegischen VG übernommen,
mit dem Tenor: Kojonkoski geht! Die Zeitung
wollte die Meldung exklusiv und verkalkulierte
sich. Er ging nicht, er unterschrieb. Als Cheftrainer
Norwegens wird er auch weiterhin in Kuopio seinen
Wohnsitz haben. Dort baut er an seinem dreistöckigen
Haus, das er noch in diesem Jahr beziehen möchte,
wenn der verdammte Beton endlich trocknet. Acht
Monate haben wir nun schon daran gearbeitet,
das Haus wird einen eigenen Fitnessraum haben
und einen Swimming Pool. Der See ist
25 Meter entfernt
Hätte er in Österreich und in Finnland
anders gearbeitet wer weiß? Vielleicht
hätte er dann schon jene Goldmedaille,
die Skeptiker, Neider und Besserwisser zum Schweigen
bringen würde. Nun wird er insgesamt vier
Jahre mit Romoeren und Co. arbeiten, wohl auch
mit Bystoel, dessen Eskapade mit dem Alkohol
und dem Hafen von Oslo er vordergründig
keine allzu große Bedeutung beimisst
Dinge, die eben so passieren. Vier
Jahre in Norwegen bedeuten für ihn, etwas
wirklich Wichtiges zu vollbringen. Meine Projekte
in der Vergangenheit waren zeitlich zu kurz
angelegt. Nun habe ich einige Jahre mehr zur
Verfügung, gemeinsam mit den Sportlern
und dem Verband können wir echte Winner
hervorbringen.
Gold in Torino. Dafür arbeite ich.
Aber zuerst noch für ein anderes Ziel,
für eine Medaille bei der Skiflug-WM 2004
in Planica. Sein Handy läutet. Das
Display leuchtet auf. Gold in Torino.
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