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  Skispringen.com Interview - Mika Kojonkoski / 28.11.2003
  "Zeit, Großes zu vollbringen"

Gold in Torino. Immer dann, wenn Mika Kojonkoski sein norwegisches Mobil-Telefon aus der Tasche zieht und es aktiviert, leuchtet ihm eine dunkle Schrift auf hellem Grund entgegen: Gold in Torino. Die personifizierte Begrüßung hat er sich erst letzthin zugelegt, nachdem der Finne seinen Vertrag beim norwegischen Skiverband über das Jahr 2004 hinaus verlängert hat, bis 2006 - bis zu den Olympischen Winterspielen in Italien.
 
Damit wird der 40-jährige Mika Kojonkoski in gewisser Art und Weise seiner Philosophie untreu. Bevor er in Norwegen anheuerte, war er drei Jahre in Finnland tätig gewesen, und wieder zuvor zwei Winter in Österreich. 2006 wird der Finne mit dem sympathischen Lächeln und den leuchtenden Augen aber eine gesamte Olympiade, vier Jahre, dem Nationalteam eines Landes vorgestanden sein. Spätestens 2006 wird die Skisprung-Szene wissen, was der Trainer Kojonkoski tatsächlich wert ist.
 
Über den Mann aus Kuopio, der als Juniorenspringer temporären Ruhm in seinem Land errang und sich später mit Wachstum, Formkrisen und Matti Nykänen herumschlug, herrscht in der Fachwelt keine einhellige Meinung. Aufgrund seiner sportwissen- schaftlichen Ausbildung wird er als Experte bezeichnet, als einer der besten Trainer im Weltcup (und regelmäßige Angebote aus verschiedenen Ländern belegen dies). Andererseits hat der Trainer Kojonkoski keinen Springer oder keine Mannschaft zu einer Goldmedaille bei einer Großveranstaltung geführt. Mit Österreich waren dritte Ränge das Höchste der Gefühle, mit Finnland zweite Plätze. Aber auch wenn der Rückstand zum Sieger 0,1 Punkte beträgt, wie im Olympischen Mannschafts-wettkampf 2002 – Gold ist Gold, und Silber ist Silber.
 
Was also tun mit einem Mann, der augenscheinlich im Stande ist, defizitäre Bereiche zu optimieren, aber keinen Siegspringer heranzubilden?
Kojonkoskis Worte sind keine Verteidigung (die er nicht benötigt), sondern Versuche einer Erklärung. „Als ich nach Österreich kam, hatte Andreas Goldberger den Gesamtweltcup unter den ersten fünf beendet, Martin Höllwarth war als Zweitbester des Landes auf Platz 21 gekommen. Als ich kam, lag der ÖSV gerade mit Goldberger im Clinch. Zu Saisonende hatten wir sechs Sportler unter den ersten 16 und einige Weltcupsiege gefeiert. Dann wechselte ich nach Finnland. Dort war Janne Ahonen unter den ersten fünf zu finden gewesen, Ville Kantee als sein Kronprinz auf Rang 29. Am Ende hatten wir sechs Sportler unter den ersten 18 und standen mit sechs verschiedenen Athleten auf dem Podest.“
 
In Norwegen war die Situation bei seinem Erscheinen noch dramatischer als in Österreich und in Finnland. Im ersten Jahr seiner Tätigkeit feierte das Norge-Team mit Sigurd Pettersen einen Weltcupsieg nach Jahren der Abstinenz vom höchsten Treppchen des Podests. „Meine Philosophie ist, dass die Herausforderung der Trainerarbeit darin besteht, das Niveau der gesamten Mannschaft zu heben. Ich glaube, überall eine gute Arbeit verrichtet zu haben, auch in Österreich, wo ich Einfluss nehmen konnte auf eine neue Trainingskultur. Doch wenn jetzt die junge Garde in rotweißrot in den Weltcup aufrückt, kann ich mich nicht ganz darüber freuen. Ich ernte nicht, was ich mitgesät habe. Ist das Niveau eines Teams hoch, kann der Betreuer daran gehen, einen Siegspringer auszubilden. Doch den letzten Schritt muss der Sportler immer alleine gehen. Er sitzt alleine auf dem Zitterbalken, er muss also extrem stark sein, und er muss Glück haben.“
 
Stark genug für Gold schätzt Mika Kojonkoski heute noch sein Team während der Olympischen Winterspiele 2002 ein. Der Trainer hatte einen Traum: Gold mit Finnland, beim Teambewerb im Zeichen der fünf Ringe. Es wurde Platz zwei, mit dem kleinstmöglichen Rückstand. "War es Schuld des Trainers?", fragt er sich heute und kann sich in die Beantwortung der Frage dermaßen hineinsteigern, dass gemerkt wird: die Niederlage sitzt immer noch tief. „Hatten wir Pech? Oder war es etwas anderes? Wurde gründlich genug gemessen? 0,1 Punkte sind umgerechnet 16 Zentimeter. Jeder Sprung wird auf einen halben Meter Genauigkeit gemessen. Und wir sind acht Mal gesprungen…“ Kojonkoskis Fazit lässt Raum für Spekulationen: „Jemand fällte eine Entscheidung, dass Gold nicht für uns bestimmt war – aber wir waren nicht schlechter als Deutschland.“
 
Als Mika Kojonkoski vor zehn Jahren mit dem Trainerjob begann, sah er Kollegen, die nicht gerade motiviert bei der Sache waren. Und er schwor sich, nicht zu werden wie sie. Doch bevor er die Unterschrift unter jenen Vertrag setzte, der ihn bis 2006 an Norwegen binden wird, überlegte er es sich einen Sommer lang gründlich. Es gab ein Argument, ein starkes Argument, den Trainerjob an den Nagel zu hängen: das Angebot seiner konservativen, rechtsgerichteten Partei, für die er seit acht Jahren im Stadtrat von Kuopio sitzt, im Frühsommer 2004 zu kandidieren: für einen Posten als EU-Parlamentarier.
Den vergangenen Sommer verbrachte Kojonkoski gefangen in einem Dilemma, Antwort auf die Frage suchend, was er denn nun tun wolle. Letztlich entschied er sich für den Sport, weil er in sich die Motivation verspürte, weiter zu machen, und weil er wusste, dass er mit seinen Taten noch nicht am Ende war. „Wichtige Personen haben mich Richtung Politik gepusht, hätten auch meine Wahlkampagne unterstützt“, sagt er heute, gedankenverloren. „Es hätte eine interessante Aufgabe sein können – aber ich war nicht bereit, abzuspringen, vom Skispringen Abschied zu nehmen.“
 
Als letzthin der finnische Ilta-Sanomat einen Artikel über ihn brachte, wurde dieser auszugsweise von der norwegischen VG übernommen, mit dem Tenor: Kojonkoski geht! Die Zeitung wollte die Meldung exklusiv und verkalkulierte sich. Er ging nicht, er unterschrieb. Als Cheftrainer Norwegens wird er auch weiterhin in Kuopio seinen Wohnsitz haben. Dort baut er an seinem dreistöckigen Haus, das er noch in diesem Jahr beziehen möchte, wenn der verdammte Beton endlich trocknet. „Acht Monate haben wir nun schon daran gearbeitet, das Haus wird einen eigenen Fitnessraum haben – und einen Swimming Pool. Der See ist 25 Meter entfernt…“
 
Hätte er in Österreich und in Finnland anders gearbeitet – wer weiß? Vielleicht hätte er dann schon jene Goldmedaille, die Skeptiker, Neider und Besserwisser zum Schweigen bringen würde. Nun wird er insgesamt vier Jahre mit Romoeren und Co. arbeiten, wohl auch mit Bystoel, dessen Eskapade mit dem Alkohol und dem Hafen von Oslo er vordergründig keine allzu große Bedeutung beimisst – „Dinge, die eben so passieren“. Vier Jahre in Norwegen bedeuten für ihn, „etwas wirklich Wichtiges zu vollbringen. Meine Projekte in der Vergangenheit waren zeitlich zu kurz angelegt. Nun habe ich einige Jahre mehr zur Verfügung, gemeinsam mit den Sportlern und dem Verband können wir echte Winner hervorbringen.“
 
Gold in Torino. „Dafür arbeite ich. Aber zuerst noch für ein anderes Ziel, für eine Medaille bei der Skiflug-WM 2004 in Planica.“ Sein Handy läutet. Das Display leuchtet auf. Gold in Torino.
 
 


 

 

 
 

 


















 
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