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  Skispringen.com Interview - Florian Liegl/ 07.12.2003
  Florian Liegl - Trondheim, da wo alles begann

Wenn in wenigen Tagen Weihnachten und Silvester gefeiert wird, ist Florian mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bei der Vierschanzentournee im Einsatz. Aber vielleicht findet der 20-jährige Tiroler, der kurz vor Weltcupauftakt in eine Mietwohnung nach Götzens oberhalb Innsbruck umgezogen ist, auch eine ruhige Minute, um eine persönliche Bilanz eines Wahnsinnsjahres zu ziehen.
 
Begonnen hatte die Geschichte eigentlich vor genau einem Jahr in Trondheim. Damals war Liegl zum ersten Mal im Weltcup aufgetaucht, und hatte bereits während dem Training für Furore gesorgt. Die Chefcoaches verschiedener Nationen trauten ihren Augen kaum als Liegl seine Sprünge mit starker Technik auf unglaubliche Weiten setzte. "Wer ist das denn" war es immer wieder auf dem Trainerturm zu hören. Drei Wochen später kannte jeder seinen Namen.
Im Februar fand er sich im VIP-Bereich des Kulm wieder, als Tagessieger und umgeben von 3000 Schulterklopfern. Im März lag er im Gesamtweltcup an fünfter Stelle und war Schilling-Millionär, hatte in einem Winter soviel eingenommen, „wie andere in einem halben Leben verdienen.“ (Einen Winter zuvor war er noch mit der Helmkamera über die Bergiselschanze gefahren, hatte 100 Euro erhalten und sich wie ein Schneekönig darüber gefreut). Im Sommer hatte er Sponsorenverträge unterschrieben und war dabei bewusst andere Wege gegangen als der Gros der Gruppe: nicht Süßwaren, sondern Salziges, kein VW oder Audi, sondern einen Asiaten als fahrbaren Untersatz. Und jetzt beginnt wieder der Winter…
 
„Es hat sich vieles geändert in meinem Leben“, sagt Liegl selbst, erkennt aber auch, dass die Veränderung die Konstante seines Daseins ist. Geboren wurde er mit einer Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte, einer so genannten „Hasenscharte“, die operativ entfernt werden musste. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Innsbruck, in einer Stadt, und bei den Großeltern mütterlicherseits auf einem Bauernhof in Kärnten, auf dem Land. Seine Eltern Gabriele und Günther sind nicht reich, nicht arm. Sie lassen den Buben tun, dieser zeichnet sich sportlich aus – Fußball, Leichtathletik -, ist in der Schule aber aufgrund seiner Faulheit eine „extreme Pfeif’n“ (Eigenzitat Liegl). Er treibt sich auf dem Skateboard herum, ist in Scharmützel auf der Straße verwickelt, beginnt in Seefeld mit dem Skispringen, weil er es, wie vieles andere auch, einfach geil findet. Als Zwölfjähriger interessiert er sich bereits für das weibliche Geschlecht, als 15-Jähriger hat er bereits seine ersten Alkohol-Räusche hinter sich.
 
Die Wende kommt mit dem Wechsel in das Skigymnasium Stams, wo er schnell zum besten Schüler-Springer Österreichs wird. „Und dann hat der Florian Liegl gelernt, wie es ist, wenn einem der Erfolg über den Kopf wächst“, sagt der Sportler, der sich als Star aufführte und realisierte, dass, wenn der Sieg ausbleibt, nur mehr der Mensch zählt. Nachdem er bei Junioren-Weltmeisterschaften Medaillen holte, setzte ein Wachstumsschub ein: er wurde größer und schwerer und schlechter. Im Matura-Jahr war er dermaßen weit weg von der nationalen Spitze, dass ihm gut meinende Personen rieten: "lass es bleiben, es hat keinen Sinn mehr." Liegl bestand die Matura – und ließ es bleiben, für genau drei Wochen. Er tat was er wollte und entschied: "ich starte durch, ich versuche es nochmals." Das war im Frühjahr 2002. Sicherheitshalber inskribierte sich der Tiroler auf der Universität, Fachrichtung Sportmanagement.
 
Der Rest ist bekannt. Florian Liegl ist einer der jungen Stars der Szene. Einer, der ungern mit anderen verglichen werden will, weil Vergleiche immer hinken. Andreas Goldberger war in der Jugend sein Idol, heute hat er keines mehr. Braucht er auch nicht. Liegl beruft sich auf seine Erfahrung und sagt, dass er in seinen ersten 20 Jahren des Lebens mehr gesehen und erkannt hätte als andere. „Ich habe Kontakt zu Personen aller Schichten, zu Spitzensportlern, zu Arbeitern, zu Sozialhilfeempfängern, zu Drogenabhängigen. Ich weiß, was in der Stadt abgeht, was auf dem Land zählt, welche Probleme Arbeiter haben und was Sportler bedrückt.“
 
Liegl selbst ist in eine Kategorie aufgestiegen, in der er ein VIP, ein Prominenter, ein Halbgott (je nach Blickwinkel) ist. „Ich brauche diese Art der Anerkennung nicht, denn ich weiß, kein Star zu sein, sondern nur ein ganz normaler Mensch. Ich gebe mich mit den Mädchen im Auslauf gleich gerne ab wie mit der Prominenz bei allen möglichen Anlässen. Und ich weiß, was mein sportlicher Erfolg, global gesehen, wert ist: Wenn in China das berühmte Rad umfällt, schert es uns in Europa einen Dreck. Und wenn der Herr Liegl ein wichtiges Weltcupspringen gewinnt, ist es dem Bauern im Afghanistan auch egal. Der hat nämlich andere Sorgen.“
 
Liegl ist einer, der seinen eigenen Stellenwert gut einordnen kann, der zwischen Recht und Unrecht unterscheidet, der weiß, dass es zum Streiten immer zwei braucht und dem es auf die Nerven geht, dass die USA allzu gerne als Beschützer der Welt tituliert werden. Und er fragt sich: „Wie kann es sein, dass die bestausgerüstete Nation der Welt, die jedem beim Scheißen zuschauen kann, die Herren Bin Laden und Hussein nicht erwischt?"
 
Alternativ-Rock (Metallica, Nadasurf, Jack Johnson) hört er besonders gerne, Hermann Hesse liest er besonders gerne. Und am liebsten unterhält er sich mit seiner Freundin Maria, die er vor zwei Jahren das erste Mal sah und heuer kurz nach Ostern im Sturm eroberte. Sie ist mit ihm nach Götzens gezogen, nicht, weil er sie dazu drängte, sondern weil er ihr die Entscheidung einer gemeinsamen Wohnung überließ. „Mir ist es egal, ob er Skispringer ist oder nicht. Skispringen hat mich eigentlich nie interessiert, ich habe diese Disziplin immer für langweilig empfunden“, sagt Maria. „Ich mag ihn, weil er zuhören kann, weil er ein offenes Auge für Kleinigkeiten hat, weil er rücksichtsvoll ist.“
 
Beim Sommer-Grand-Prix war Maria erstmals - der Springer wegen - im Bergisel-Stadion, in jenem Stadion, in dem vor wenigen Jahren ihre Schwester Greta beim tragischen Air & Style-Wettbewerb der Snowboarder ums Leben kam, als bei einer Massenpanik einige Personen zu Tode getrampelt wurden. Maria ist religiös, geht jeden Sonntag zur Messe, findet in Werten wie Glaube, Freunde, Familie Halt. Florian Liegl ist auch religiös, auch wenn sich seine Kirchenbesuche auf die „Highlights“ beschränken: „Ich glaube an Gott, dafür brauche ich nicht zur Messe zu gehen.“ Weil Maria und er wie ein Idealpaar erscheinen, weil sie sich gegenseitig vertrauen, ist sie auch nicht eifersüchtig, wenn er Fanbriefe bekommt, bis zu 30 am Tag, aus Polen, Deutschland, der Schweiz und selbstverständlich aus Österreich. Wenn er unterwegs ist, wird sie sich damit beschäftigen, ihrem Beruf als Verkäuferin in einem Innsbrucker Sportgeschäft nachzugehen und die gemeinsame Wohnung in Götzens fertig einzurichten. „Einmal will ich schon live vor Ort sein“, sagt Maria, „meistens werde ich die Springen bei seiner Familie verfolgen.“ Bei den Eltern Gabriele und Günther und bei den Brüdern Christoph und Josef, dem Präsidenten des Liegl-Fanclubs.
 
Lebe den Tag!, sagt Philosoph Liegl und antwortet auf die Frage was schön ist, mit Gegenfragen: War der Weltcupsieg am Kulm schön? Oder ist ein Aha-Erlebnis im Continentalcup schön? Oder gibt es vielleicht noch was schöneres, etwas, was erst kommen muss?
 
 















 
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