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Wenn in wenigen Tagen Weihnachten und Silvester
gefeiert wird, ist Florian mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit bei der Vierschanzentournee
im Einsatz. Aber vielleicht findet der 20-jährige
Tiroler, der kurz vor Weltcupauftakt in eine
Mietwohnung nach Götzens oberhalb Innsbruck
umgezogen ist, auch eine ruhige Minute, um eine
persönliche Bilanz eines Wahnsinnsjahres
zu ziehen.
Begonnen hatte die Geschichte eigentlich vor
genau einem Jahr in Trondheim. Damals war Liegl
zum ersten Mal im Weltcup aufgetaucht, und hatte
bereits während dem Training für Furore
gesorgt. Die Chefcoaches verschiedener Nationen
trauten ihren Augen kaum als Liegl seine Sprünge
mit starker Technik auf unglaubliche Weiten
setzte. "Wer ist das denn" war es
immer wieder auf dem Trainerturm zu hören.
Drei Wochen später kannte jeder seinen
Namen.
Im Februar fand er sich im VIP-Bereich des Kulm
wieder, als Tagessieger und umgeben von 3000
Schulterklopfern. Im März lag er im Gesamtweltcup
an fünfter Stelle und war Schilling-Millionär,
hatte in einem Winter soviel eingenommen, wie
andere in einem halben Leben verdienen.
(Einen Winter zuvor war er noch mit der Helmkamera
über die Bergiselschanze gefahren, hatte
100 Euro erhalten und sich wie ein Schneekönig
darüber gefreut). Im Sommer hatte er Sponsorenverträge
unterschrieben und war dabei bewusst andere
Wege gegangen als der Gros der Gruppe: nicht
Süßwaren, sondern Salziges, kein
VW oder Audi, sondern einen Asiaten als fahrbaren
Untersatz. Und jetzt beginnt wieder der Winter
Es hat sich vieles geändert in meinem
Leben, sagt Liegl selbst, erkennt aber
auch, dass die Veränderung die Konstante
seines Daseins ist. Geboren wurde er mit einer
Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte, einer so genannten
Hasenscharte, die operativ entfernt
werden musste. Seine Kindheit und Jugend verbrachte
er in Innsbruck, in einer Stadt, und bei den
Großeltern mütterlicherseits auf
einem Bauernhof in Kärnten, auf dem Land.
Seine Eltern Gabriele und Günther sind
nicht reich, nicht arm. Sie lassen den Buben
tun, dieser zeichnet sich sportlich aus
Fußball, Leichtathletik -, ist in der
Schule aber aufgrund seiner Faulheit eine extreme
Pfeifn (Eigenzitat Liegl). Er treibt
sich auf dem Skateboard herum, ist in Scharmützel
auf der Straße verwickelt, beginnt in
Seefeld mit dem Skispringen, weil er es, wie
vieles andere auch, einfach geil findet. Als
Zwölfjähriger interessiert er sich
bereits für das weibliche Geschlecht, als
15-Jähriger hat er bereits seine ersten
Alkohol-Räusche hinter sich.
Die Wende kommt mit dem Wechsel in das Skigymnasium
Stams, wo er schnell zum besten Schüler-Springer
Österreichs wird. Und dann hat der
Florian Liegl gelernt, wie es ist, wenn einem
der Erfolg über den Kopf wächst,
sagt der Sportler, der sich als Star aufführte
und realisierte, dass, wenn der Sieg ausbleibt,
nur mehr der Mensch zählt. Nachdem er bei
Junioren-Weltmeisterschaften Medaillen holte,
setzte ein Wachstumsschub ein: er wurde größer
und schwerer und schlechter. Im Matura-Jahr
war er dermaßen weit weg von der nationalen
Spitze, dass ihm gut meinende Personen rieten:
"lass es bleiben, es hat keinen Sinn mehr."
Liegl bestand die Matura und ließ
es bleiben, für genau drei Wochen. Er tat
was er wollte und entschied: "ich starte
durch, ich versuche es nochmals." Das war
im Frühjahr 2002. Sicherheitshalber inskribierte
sich der Tiroler auf der Universität, Fachrichtung
Sportmanagement.
Der Rest ist bekannt. Florian Liegl ist einer
der jungen Stars der Szene. Einer, der ungern
mit anderen verglichen werden will, weil Vergleiche
immer hinken. Andreas Goldberger war in der
Jugend sein Idol, heute hat er keines mehr.
Braucht er auch nicht. Liegl beruft sich auf
seine Erfahrung und sagt, dass er in seinen
ersten 20 Jahren des Lebens mehr gesehen und
erkannt hätte als andere. Ich habe
Kontakt zu Personen aller Schichten, zu Spitzensportlern,
zu Arbeitern, zu Sozialhilfeempfängern,
zu Drogenabhängigen. Ich weiß, was
in der Stadt abgeht, was auf dem Land zählt,
welche Probleme Arbeiter haben und was Sportler
bedrückt.
Liegl selbst ist in eine Kategorie aufgestiegen,
in der er ein VIP, ein Prominenter, ein Halbgott
(je nach Blickwinkel) ist. Ich brauche
diese Art der Anerkennung nicht, denn ich weiß,
kein Star zu sein, sondern nur ein ganz normaler
Mensch. Ich gebe mich mit den Mädchen im
Auslauf gleich gerne ab wie mit der Prominenz
bei allen möglichen Anlässen. Und
ich weiß, was mein sportlicher Erfolg,
global gesehen, wert ist: Wenn in China das
berühmte Rad umfällt, schert es uns
in Europa einen Dreck. Und wenn der Herr Liegl
ein wichtiges Weltcupspringen gewinnt, ist es
dem Bauern im Afghanistan auch egal. Der hat
nämlich andere Sorgen.
Liegl ist einer, der seinen eigenen Stellenwert
gut einordnen kann, der zwischen Recht und Unrecht
unterscheidet, der weiß, dass es zum Streiten
immer zwei braucht und dem es auf die Nerven
geht, dass die USA allzu gerne als Beschützer
der Welt tituliert werden. Und er fragt sich:
Wie kann es sein, dass die bestausgerüstete
Nation der Welt, die jedem beim Scheißen
zuschauen kann, die Herren Bin Laden und Hussein
nicht erwischt?"
Alternativ-Rock (Metallica, Nadasurf, Jack Johnson)
hört er besonders gerne, Hermann Hesse
liest er besonders gerne. Und am liebsten unterhält
er sich mit seiner Freundin Maria, die er vor
zwei Jahren das erste Mal sah und heuer kurz
nach Ostern im Sturm eroberte. Sie ist mit ihm
nach Götzens gezogen, nicht, weil er sie
dazu drängte, sondern weil er ihr die Entscheidung
einer gemeinsamen Wohnung überließ.
Mir ist es egal, ob er Skispringer ist
oder nicht. Skispringen hat mich eigentlich
nie interessiert, ich habe diese Disziplin immer
für langweilig empfunden, sagt Maria.
Ich mag ihn, weil er zuhören kann,
weil er ein offenes Auge für Kleinigkeiten
hat, weil er rücksichtsvoll ist.
Beim Sommer-Grand-Prix war Maria erstmals -
der Springer wegen - im Bergisel-Stadion, in
jenem Stadion, in dem vor wenigen Jahren ihre
Schwester Greta beim tragischen Air & Style-Wettbewerb
der Snowboarder ums Leben kam, als bei einer
Massenpanik einige Personen zu Tode getrampelt
wurden. Maria ist religiös, geht jeden
Sonntag zur Messe, findet in Werten wie Glaube,
Freunde, Familie Halt. Florian Liegl ist auch
religiös, auch wenn sich seine Kirchenbesuche
auf die Highlights beschränken:
Ich glaube an Gott, dafür brauche
ich nicht zur Messe zu gehen. Weil Maria
und er wie ein Idealpaar erscheinen, weil sie
sich gegenseitig vertrauen, ist sie auch nicht
eifersüchtig, wenn er Fanbriefe bekommt,
bis zu 30 am Tag, aus Polen, Deutschland, der
Schweiz und selbstverständlich aus Österreich.
Wenn er unterwegs ist, wird sie sich damit beschäftigen,
ihrem Beruf als Verkäuferin in einem Innsbrucker
Sportgeschäft nachzugehen und die gemeinsame
Wohnung in Götzens fertig einzurichten.
Einmal will ich schon live vor Ort sein,
sagt Maria, meistens werde ich die Springen
bei seiner Familie verfolgen. Bei den
Eltern Gabriele und Günther und bei den
Brüdern Christoph und Josef, dem Präsidenten
des Liegl-Fanclubs.
Lebe den Tag!, sagt Philosoph Liegl und antwortet
auf die Frage was schön ist, mit Gegenfragen:
War der Weltcupsieg am Kulm schön? Oder
ist ein Aha-Erlebnis im Continentalcup schön?
Oder gibt es vielleicht noch was schöneres,
etwas, was erst kommen muss?
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