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Deutschland
gegen Österreich - die Rivalität bei der Vierschanzentournee |
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Am 29. Dezember beginnt
wieder die deutsch-österreichische Vierschanzentournee.
Eine Veranstaltung, die seit 1953 alljährlich
durchgeführt wird und zu den traditionsreichsten
Skisprungevents überhaupt gehört.
Eine der Traditionen rund
um die Schanze, ohne die die Tournee nicht vorstellbar
wäre, ist die Rivalität zwischen den
veranstaltenden Nationen Deutschland und Österreich.
Vor allem bei den Fans, die sich an den vier
Schanzen tummeln, kann man teilweise schon von
Feindseligkeit sprechen. Die deutschen Adler
werden von den Österreichern ausgepfiffen,
ein Andi Goldberger, der vom Bakken geht, wird
mit gellenden Pfiffen der deutschen Zuschauer
zu Tale getragen. Und natürlich pfeift
jede Nation die andere aus, "weil die´s
ja auch tun".
Die Sportler selbst gehen
fair miteinander um, das wird von den Athleten
und Funktionären auch oft und gerne betont.
Kleinere Geplänkel, die nun mal zum Skisprung-Business
gehören, werden daher von den Medien gerne
hochgespielt, was teilweise in recht unterhaltsamen
Stories gipfelt.
So wurde vor zwei Jahren ein Verstoß gegen
die Straßen-
verkehrsregeln als Anlass für eine Beschwerde
des DSV bei der FIS abgestempelt. Was war passiert
?
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Strafzettel
und Grippeviren |
In Innsbruck hatte eine eifrige Politesse einen
Strafzettel über 100 DM hinter den Scheibenwischer
des deutschen Mannschafts-
busses geklemmt.
Als am Ruhetag vor dem abschließenden vierten
Springen die Österreicher Reinhard Schwarzenberger
und Wolfgang Loitzl auf der Paul-Außerleitner-Schanze
in Bischofshofen trainierten, obwohl dies laut
FIS-Reglement nicht erlaubt ist, folgte auch prompt
ein Protest der deutschen Mannschaft und der Antrag
auf Ausschließung der beiden Springer vom
abschließenden Tourneewettbewerb.
"Alles andere als eine Disqualifikation" werde
er "nicht akzeptieren", sagte Martin Schmitt:
"Das Reglement muss eingehalten werden, wir halten
uns in Oberstdorf ja auch daran." Der Protest
war für die Presse ein gefundenes Fressen
und wurde als Racheaktion wegen des Strafzettels
hochgespielt.
Der Österreicher Andreas Goldberger
war übrigens der Meinung, dass sich die
Deutschen nicht so aufregen sollten: "Die machen
das doch auch immer so." Die Jury um den Österreicher
Walter Hofer lehnte den Protest jedenfalls ab.
Auf die Unterstellung eines österreichischen
Journalisten, die Deutschen hätten beim
Sommer-Grand-Prix 1999 ebenfalls geschummelt,
reagierte Bundestrainer Reinhard Heß äußerst
gereizt: "Das ist doch absoluter Blödsinn, was
Sie hier erzählen", fuhr er den Journalisten
an.
Mit den gesundheitlichen Problemen
von Martin Schmitt, der mit einer Bronchitis
zu kämpfen hatte, ging das Geplänkel
dann in die zweite Runde.
"Da hat man mal eine leichte Halsentzündung,
und die Medien machen daraus schnell eine Angina",
lästerte Andreas Goldberger. Der damalige
ÖSV-Cheftrainer Alois Lipburger stichelte,
dass Schmitt den Schock von Garmisch, als Andreas
Widhölzl gewonnen hatte, noch nicht verdaut
hätte.
Martin Schmitt machte den
Konkurrenten daraufhin ein freundliches Angebot:
"Wenn mir die Österreicher meine Erkältung nicht
glauben, können sie sich gern bei mir anstecken."
Das wollten die Springer aus der Alpenrepublik
dann doch nicht riskieren und stattdessen mit
sportlichen Mitteln kontern, was schließlich
auch gelang.
Zwar hatte der Tourneefavorit
und spätere Gesamtsieger Andreas Widhölzl
beim ersten Training in Bischofshofen fünf Meter
auf Schmitt verloren und "ein bisschen geschwächelt",
wie Reinhard Heß befand. Aber Widhölzl
übte sich in Gelassenheit: "Wenn ich mit
einem schlechten Sprung schon so weit komme,
dann mache ich mir keine Sorgen mehr."
Schmitts Konter folgte prompt. Er betonte seine
schlechte körperliche Verfassung, mit der
er Widhölzl in Schach gehalten hatte, und
erklärte grinsend: "So, jetzt lege ich mich
gleich wieder zur Erholung ins Bett."
Genutzt hat´s nichts, Widhölzl holte
sich den Tourneesieg.
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Lieblingsfeind:
DDR |
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Dieser psychologische Kleinkrieg gehört
bei der Tournee einfach dazu und sollte nicht
allzu ernst genommen werden. Die Athleten selbst
verstehen diese Aktionen auch nicht als böswillige
Gesten. Was die Anfeindungen der Fans betrifft,
ist man nicht so nachsichtig, vor allem, wenn
die Sportler die Zielscheiben von gehässigen
Aktionen sind.
Da fallen auch schon mal deutliche Worte wie
die von Co-Trainer Wolfgang Steiert: "In
Innsbruck ist es besonders schlimm. Hier wurden
unsere Springer von den Zuschauern schon bespuckt,
mit vollen Bierbechern beworfen und böse
angepöbelt. Der traurige Höhepunkt
der Übergriffe war vor vier Jahren."
Damals kämpfte Sven Hannawald mit dem Japaner
Kazuyoshi Funaki um die Gesamtwertung und wurde
am Ende Zweiter. Martin Schmitt kam 1999 sogar
in den "Genuß", am Bergisel
mit Schneebällen beworfen zu werden.
Österreichs Cheftrainer
Toni Innauer sieht die Fanbeschimpfungen in
Innsbruck verständlicherweise etwas lockerer
als seine deutschen Trainerkollegen und relativiert
das ganze: "Unser Andreas Widhölzl
wurde in Oberstdorf schließlich auch lautstark
ausgepfiffen. Und Innsbruck ist nun einmal die
Höhle des Löwen."
Aber nicht nur Innsbruck ist für den DSV
ein schwieriges Pflaster, auch Bischofshofen
kommt bei den deutschen Springern nicht gut
weg. Martin Schmitt: "Was da beim Publikum
abgeht, ist wirklich extrem."
Jens Weißflog, der die
Vierschanzentournee viermal gewinnen konnte,
und Dieter Thoma, Sieger von 1990, können
ein Lied davon singen und hatten laut Steiert
"enorm" unter den Übergriffen
mancher Fans zu leiden.
In den 70er Jahren ging es vor allem den DDR-Sportlern
an den Kragen. Toni Innauer, Olympiasieger von
1976, erinnert sich, dass damals Springern wie
Hans-Georg Aschenbach, Jochen Danneberg und
Henry Glass ganz übel mitgespielt worden
sei, und bringt dafür sogar etwas Verständnis
auf: "Wie systemtreu sie sich gegeben haben,
welche Kälte und Arroganz sie ausgestrahlt
haben... Sie wirkten wie halbe Soldaten."
Keine andere Mannschaft sei in Österreich
jemals so gnadenlos niedergemacht worden. Auch
FIS-Renndirektor Walter Hofer erinnert sich:
"Da gab es wirklich unheimlich gehässige
Beschimpfungen."
Toni Innauer war über
diese Stimmung an der Bergiselschanze nicht
glücklich: "Das war peinlich. Der
Tiroler, der Innsbrucker, kann ein sehr direkter
Mensch sein, dem eine gewisse Geringschätzung
gegenüber anderen nicht fremd ist. Vor
allem, wenn er ein Bier getrunken hat. Als Vorarlberger,
der hier lebt, kann ich das bestätigen."
Auch Innauer selbst wurde
schon von seinen eigenen Landsleuten beschimpft.
Als er einmal unter Zeitdruck stehend an den
Zuschauern vorbei die Schanze hochstürmte,
um rechtzeitig zu seinem Sprung oben zu sein,
rief ihm ein Zuschauer "Du arrogantes Arschloch
!" hinterher. Innauer: "Da habe ich
meine Skier weggeworfen, bin über den Zaun
gesprungen und hinter ihm hergewetzt."
Die Innsbrucker sind jedoch beileibe nicht die
einzigen Zuschauer, die gelegentlich über
die Stränge schlagen. Auf dieses Phänomen
trifft man an allen vier Schanzen, in Österreich
wie in Deutschland.
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Auge
um Auge, Zahn um Zahn... |
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Die Zeiten haben sich geändert, aus den
kalten, grimmigen DDR-Springern von früher
sind offene und freundliche gesamtdeutsche Sportler
à la Hannawald und Hocke geworden, die
nicht nur in ihrem eigenen Land Sympathieträger
sind. Aber das schützt trotzdem nicht vor
Anfeindungen.
Denn auch die deutschen Zuschauer
sind nicht zimperlich und eröffnen alljährlich
den Vierschanzen-Fankrieg in Oberstdorf. Wer
letztes Jahr an der Schattenbergschanze stand,
hat noch das gellende Pfeifkonzert der Zuschauer
in den Ohren. Und die Freudenschreie, als Martin
Höllwarth im zweiten Durchgang stürzte.
Der Jubel wurde zwar nicht nur durch den Sturz,
sondern auch durch Höllwarths geringe Weite
ausgelöst, und brandete schon auf, als
der ÖSV-Adler noch auf zwei Beinen unterwegs
war. Aber in Österreich sieht man das freilich
anders.
Man könnte dieses Jahr
in Oberstdorf mit gutem Beispiel vorangehen,
die Friedenspfeife anbieten und auf die Pfiffe
verzichten. Man könnte, aber man wird nicht.
Denn die Deutschen machen dort weiter, wo die
Bischofshofener letztes Jahr aufgehört
haben. Das erinnert an die sprichwörtliche
Katze, die sich in den eigenen Schwanz beißt.
Bei aller Rivalität, da haben die beiden
"verfeindeten" Nationen wenigstens
etwas gemeinsam: keiner gibt nach.
Aber diesen Zustand an den
Schanzen kann man wohl nicht ändern, wie
gesagt, es hat schon Tradition. Und so kann
man dem ganzen durchaus eine positive Seite
abgewinnen, wenn man alles auch mit einem Schmunzeln
betrachtet.
So wie Walter Hofer: "Ich bin einer der
wenigen, die diese Rivalität sehr positiv
sehen. Die Emotionen des Publikums lassen sich
nun mal nicht in den Griff kriegen. Die Tournee
bedeutet Dramatik pur, und das schlägt
halt bei den Zuschauern voll durch."
Da haben wir´s. Die Zuschauer als Opfer
ihres eigenen Adrenalins.
Aber Hofer hat durchaus recht.
Denn die Zuschauerpfiffe gehören neben
der sportlichen Rivalität, dem Auskatern
am Neujahrstag in Garmisch-Partenkirchen und
der großen Ehre des Gesamtsieges zu den
Dingen, die die Tournee ausmachen. Was bei allen
anderen Springen als Unsportlichkeit verpönt
ist, gehört bei der Vierschanzentournee
fast schon zum guten Ton.
Ein Österreicher springt, und kein Deutscher
pfeift ? Undenkbar. Aber dafür lieben wir
die Tournee: dass sie so ist, wie sie ist. Und
auch immer so sein wird.
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