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  Gewichtsverlust beim Skifliegen
"Ich war nach drei Tagen Skifliegen völlig am Ende, nervlich und körperlich. Zum ersten Mal hätte ich einen Fernsehtermin am Abend der Veranstaltung am liebsten abgesagt, so kaputt war ich."
Sven Hannawald

„Nach drei Tagen Skifliegen bist du tot."
Dieter Thoma
 
  Warum sind die Springer nach dem Skifliegen so erschöpft?

 
Skispringen, und ganz besonders Skifliegen, ist weniger eine Sache des Körpers, sondern spielt sich vor allem im Kopf ab.
Der Kraftaufwand für die Sprünge, also Anfahrt in der Hocke, Absprung, Flugbalance und Landung, ist eigentlich recht gering.
 
Aber die mentale Belastung ( Wettkampfstress, Konzentration, Nervosität) hat Auswirkungen auf den gesamten Körper. Besonders extrem ist das beim Skifliegen.
 
Ganz deutlich zeigen sich diese Auswirkungen der nervlichen Belastung beim Gewicht: beim Skifliegen nehmen die Springer
bis zu 2 kg pro Tag ab (bei drei Sprüngen pro Tag: Qualifikations-
sprung, zwei Wertungssprünge).
 

  Woher kommt diese Gewichtsabnahme?
 
Vor und während des Wettkampfs befinden sich die Athleten in einer Phase nervlicher Anspannung. Beim Skifliegen sind manche Springer nicht einfach nur nervös, sondern sie haben auch Angst. Man muß sich vor Augen halten, dass im Training mehrmals täglich von Normal- bzw. Großschanzen gesprungen wird, Skifliegen aber nicht trainiert wird, so dass ein gewisser Gewöhnungseffekt nicht zustande kommt.
 
Es gibt nur zwei bis drei Skiflugveranstaltungen pro Jahr. Dazu kommt, dass die Sprunganlagen viel größer sind und die Sprünge sehr viel weiter gehen, was das Risiko zu stürzen erhöht. Daher schlägt der Respekt, den die Springer vor einem Sprung grundsätzlich haben, beim Skifliegen teilweise in Angst um.
 
  Was passiert im Körper ?
 
Als Reaktion des Körpers erfolgt die Ausschüttung von Adrenalin, einem Hormon, das bei Streßsituationen freigesetzt wird (Adrenalin ist nicht das einzige Streßhormon, aber auf die anderen möchte ich hier nicht näher eingehen).
Der Adrenalinspiegel im Blut ist bereits Tage vor dem Wettkampf eindeutig erhöht, die geistige Vorbereitung auf das Skifliegen findet also bereits Tage vorher statt. Während des Wettkampfes selbst ist der Adrenalinspiegel 10 - 20 mal höher als normal.
 
Adrenalin bewirkt im Körper folgendes:

  Das Herz schlägt schneller und kräftiger
  Der Blutdruck steigt, da sich die Blutgefäße verengen
  Die Muskelaktivität steigt. Das bedeutet, dass man z.B. nervös      mit den Fingern trommelt, mit den Beinen wippt, unruhig hin      und her läuft etc.
 
Diese körperlichen Veränderungen sind nichts anderes als die Symptome von Nervosität. Vor allem die vermehrten Muskel-
bewegungen führen dazu, dass der Körper mehr Energie ver-
braucht. Nun mag man einwenden, dass Fingertrommeln etc.
keine besonders anstrengende Tätigkeit ist, aber auch kleine Muskelbewegungen summieren sich entsprechend, wenn sie permanent den ganzen Tag über erfolgen.

Adrenalin bewirkt aber auch noch etwas anderes:
Es fördert den Abbau von Fett und Glykogen, also den Energie-
speichern des Körpers. Diese Mobilisierung der Energiereserven ist ja auch nötig, um den gesteigerten Energieverbrauch durch die vermehrten Muskelbewegungen zu decken.
 
Durch den erhöhten Energieverbrauch und den Abbau der Energiereserven stellt sich zwangsläufig ein Gewichtsverlust ein.
Die meisten Skispringer haben ja von vorneherein ein recht niedriges Gewicht und verfügen über wenig „Fettpolster". Wenn dann der Energieverbrauch steigt, aber die Fett- und Glykogen-
reserven weitgehend erschöpft sind, wird der dritte Energie-
speicher des Körpers angezapft: Proteine, also Muskeln. Deren Abbau führt zu körperlicher Entkräftung.
 
Ein erhöhter Adrenalinspiegel kann durch Ausdauerleistungen, z.B. ausgiebiges Joggen, abgebaut werden. Das Problem beim Skispringen ist jedoch, dass der Athlet über Schnellkraft für den Absprung verfügen muß. Eine für den Adrenalinabbau nötige Ausdauerleistung würde jedoch die Muskulatur ermüden. Somit ist es für einen Skispringer schwierig, das vermehrte Adrenalin schnell wieder abzubauen.
 
Bei der Skiflug-WM 1998 wurde zu dieser Problematik eine sport-
medizinische Untersuchung bei Springern durchgeführt, die im September 1999 veröffentlicht wurde. Herr Dr. Geiger, der bei dieser Studie mitgewirkt hat, meint dazu folgendes:
 
„Meiner persönlichen Einschätzung nach ist die häufig relativ drastische Gewichtsabnahme im Wettkampfumfeld auch auf Flüssigkeitsverluste im Zusammenhang mit Angst-Diurese, erhöhter Perspiration (durch Streß) usw. zurückzuführen.
Dafür spricht: die relativ schnelle Gewichtsabnahme bei ohnehin niedrigem Ausgangsgewicht der Springer, die zahlreichen teilweise schon unangenehmen Spuren dieser Diurese rund um die Anlage usw.."

 
 
Auch beim „normalen" Skispringen spielt die Nervosität eine Rolle, sie wirkt sich aber nicht so stark aus:
 
Gewichtsabnahme bei der Vierschanzentournee:
3 - 4 kg (innerhalb 1 Woche)
 
Gewichtsabnahme beim Skifliegen:
2 kg pro Tag
 
Durch die vielen Wettkampftermine sind die Springer während der ganzen Saison am unteren Gewichtslimit. Das verdeutlicht auch der Body Mass Index (BMI). Ein BMI zwischen 18,5 und 24 ent-
spricht dem Normalgewicht:
 
Martin Schmitt: 1,80 m, 63 kg: BMI 19,4
Sven Hannawald: 1,84 m, 64 kg: BMI 18,9
(beides Durchschnittswerte)
 
Sinn der oben erwähnten Studie war es auch zu zeigen, dass zu viele Wettkampftermine in einer Saison an die Substanz der Springer gehen und dadurch die Leistungsfähigkeit gerade am Saisonende nachlassen kann. Das hat ja der Zweikampf Schmitt - Ahonen in der Saison 98/99 deutlich gezeigt und die von Martin Schmitt durchgeführten Wettkampfpausen in ihrer Richtigkeit be-
stätigt. Ob sich allerdings die FIS von diesen medizinisch nach-
gewiesenen Fakten beeindrucken läßt und die Anzahl der Wett-
kämpfe auf ein vernünftiges Maß beschränkt, muß sich erst noch zeigen.
Die Tatsache aber, dass es in der Saison 1999/2000 drei Ski-
fliegen gegeben hat statt wie bisher zwei, läßt da einige Zweifel aufkommen.

Sven Hannawald:
„Ich glaube, es ist richtig, nur zwei Skiflug-Veranstaltungen im Weltcup-Kalender zu führen. Das reicht völlig, zumal immer mehr auf extreme Weiten gegangen wird."
 
Da möchte man den Verantwortlichen das oft bewährte Motto ans Herz legen: „Qualität statt Quantität..."
 
Cordula
 
Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer biochemisch-ernährungs-
wissenschaftlichen Seminararbeit zum Thema "Untergewicht".
 
 
Mein Dank für die freundliche Unterstützung geht an:

- Wolfgang Steiert (Co-Bundestrainer), 79856 Hinterzarten,
- Dr. med. Ludwig Geiger, Sportmedizinische Untersuchungsstelle,
   83075 Bad Feilnbach
 


 
 
 
  Erklärung - Fachbegriffe
 
 Glykogen
Glykogen ist die Speicherform der Glucose, also des Blutzuckers. Viele Glucose-Moleküle bilden zusammen Glykogen (etwa wie Perlen, die zu-
sammen eine Perlenkette bilden). Ist der Blutzuckerspiegel zu niedrig, können Glucose-Moleküle aus dem Glykogen abgespalten und ins Blut abgegeben werden. Ist umgekehrt der Blut-zuckerspiegel zu hoch, wird aus der überschüssigen Glucose wieder Glykogen aufgebaut.
Die „Verbrennung" von Glucose liefert dem Körper Energie.
 
 
 Diurese

Diurese bedeutet, dass man oft und
reichlich pinkeln muss.
 

 
 Angst-Diurese
Angst-Diurese tritt bei Nervosität oder Angst auf, d.h. bei nervlicher An-
spannung zieht es einen etwas häufiger zur Toilette als üblich
(wenn eine Toilette in der Nähe ist, ansonsten tut´s auch ein Gebüsch oder eine Skiflugschanze...)
 

 
 Perspiration
Mit Perspiration ist hier Schwitzen gemeint.
 
 

 Body Mass Index - BMI
Gewicht / Körpergröße ² [kg / m²]
 
Der Body Mass Index gibt an, ob jemand normal-, über- oder untergewichtig ist. Es gibt verschiedene Tabellen über den Normalbereich des BMI, welche man bevorzugt, ist Geschmackssache. Hier sind zwei zur Auswahl:
  WHO
(1986)  
  
Hauner
(1996) 
   
Normalgew. 20 - 25 18,5 - 24
Untergewicht < 20 < 18,5
Übergewicht > 25 > 24
Man sollte allerdings nicht zu sehr nur auf nackte Zahlen schielen, denn die Grenzen zwischen Normal- und Über-
/Untergewicht sind im Grunde fließend und auch vom persönlichen Geschmack abhängig.
 
   
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