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Hiermit möchte ich versuchen, euch einen kleinen
Einblick in den Wintersport der Nachkriegszeit zu
geben.
Viele von uns können sich das ja gar nicht mehr
vorstellen, ohne Werbung, Millionenverträge,
Computerzeitmessung oder Fernsehen, aber es gab Zeiten,
in denen man von solchen Dingen in etwa die gleiche
Vorstellung hatte, wie der Mensch des ausgehenden
Milleniums vom Reisen mit Lichtgeschwindigkeit! Mir
wurde die ehre zuteil, einen Menschen dieser "grauen
Vorzeit" persönlich kennenzu-lernen.
Ich durfte mit anhören, wie Georg Thoma, seines
Zeichens der Onkel des uns allen wohlbekannten Weltklasseskispringers
Dieter Thoma, sein Leben in seiner ganz eigenen Art
und seinen ganz eigenen Worten Revue passieren läßt!
Georg Thoma, eines von sieben Kindern einer hinterzartener
Durch-schnittsfamilie, geboren einige Jahre vor Beginn
des zweiten Weltkriegs.
Seine Kindheit hat er nur kurz im Kreise der Familie
verbracht, mit Ausbruch des besagten Krieges mußte
die Mutter die Erziehung alleine übernehmen,
das elterliche Haus konnte nicht gehalten werden,
Mangel herrschte überall. so kam es dazu, das
Georg schon in jungen Jahren von der Familie getrennt
wurde und auf einem ortsansässigen Hof als Hirtenjunge
ins Arbeitsleben eintrat.
Auch nach Ende des Krieges änderte sich an dieser
Situation nicht viel, da der Vater in russischer Gefangenschaft
verblieb! Also versuchte Georg, sein Leben zu meistern,
so gut es ging!
Nicht nur der Lebensstandard der Menschen, auch das
Wetter von damals ist mit dem heutigen nicht zu vergleichen.
Die Winter waren ungleich härter und so mußten
die Menschen damals bei geringeren Möglichkeiten
mit weitaus größeren Schneemassen zurechtkommen.
wie ginge dies besser, als auf Skiern. und so tat
es auch Georg damals, Fortbewegung auf zwei Holzlatten.
Als sich Not und Elend in den fortschreitenden 50er
Jahren wieder legten, begannen sich die Menschen auch
wieder für andere Dinge, als nur das pure Überleben
zu interessieren, so zum Beispiel für den Sport.
Dem schloß sich auch der junge Thoma an
und konnte bald erste Erfolge vorweisen. Er brachte
es schließlich bis zum Deutschen Meistertitel
seiner Altersklasse und war somit berechtigt, an den
Ausscheidungen für die Olympischen Winterspiele
teilzunehmen.
Einziger Hinderungsgrund war hier, ihm fehlte das
passende Material. Skisprungski und Langlaufski mit
ein Gesamtwert von 170.-, bei einem Jahresverdienst
von 40.-, er war immernoch als Hirtenjunge tätig,
schienen unbezahlbar und somit die Olympiateilnahme
unerreichbar. Doch dieser Mann war nicht nur ein hervorragender
Sportler, sondern auch ein (wenn ich es so salopp
ausdrücken darf) pfiffiges Kerlchen.
Was machte er, er sammelte die Summe in Naturalien
zusammen, Pilze, Beeren, alles, was die Natur anzubieten
hatte. Es waren zwar bei weitem nicht die benötigten
Gelder, aber die Idee ist es, die zählt. So zog
er also los, in Richtung des Hotels, wohl des Ersten
am Platz, um seine Schätze einzutauschen, wie
es in der immer noch an Mängeln reichen Zeit
üblich war, ohne Schuhe. Luxusgüter, die
man im Sommer nicht brauchte und die daher geschont
wurden.
Auf seinem Weg wurde er dann von einem Regenschauer
überrascht, und das Wasser kühlte seine
Füsse aus. Um diese wieder aufzu-wärmen,
stellte er sich, wie es damals Sitte war, an eine
Kuhweide und wartete darauf, dass einer der behäbigen
Widerkäuer etwas "fallen ließ",
stellte sich hinein und nach kurzer Zeit waren die
von Kälte gepeinigten Gliedmaßen wieder
auf Betriebstemperatur gebracht.
Zufrieden konnte der Rest des Weges in Angriff genommen
werden, nicht bedenkend, dass man die Füße
nach solch einem anrüchigen Bad abwaschen sollte.
So betrat er nun besagtes Hotel und eh er sich versah,
stand er auch wieder davor.
Schlußendlich hatte er es aber doch geschafft
und durfte an den Aus-scheidungen teilnehmen, bei
denen er sich dann auch für einen Platz in der
damals gesamtdeutschen Mannschaft qualifizierte. Dies
hieß für Thoma, das größte Abenteuer
seines Lebens in Angriff zu nehmen, eine Reise in
die USA, 1960, zu den Olympischen Spielen von Squaw
Valley! Um die Dimensionen dieser Reise in Verhältnisse
zu setzen, wer kann von sich heutzutage behaupten,
den Mond betreten zu haben. So muß es Georg
wohl vorgekommen sein!
Der Wettkampf selbst verlief für den Schwarzwälder
recht ordentlich, überzeugende sprünge von
der Schanze, und auch eine zufrieden-stellende Leistung
in der Loipe. In damaligen Zeiten wurde der Lang-lauf
noch nicht nach der Gündesen (oft gehörter,
aber nie gelesener Name)-Methode bestritten, das heißt,
Umrechnung der Punkte nach dem Springen in Sekunden,
sondern man startete ähnlich dem heutigen Langlauf
in 30sek-Intervallen gemäß der Startnummern.
Also lief Thoma sein Rennen, überquerte die Ziellinie
und war stolz, sein Pensum geleistet zu haben. Digitale
Zeittafeln oder Plazierungen berechnende Computer
gab es wie gesagt noch nicht, dementsprechend lange
dauerte es, bis die Ergebnisse bekannt wurden.
Als Georg Thoma schon wieder im olympischen Dorf angekommen
war und sich auf einen erholsamen Abend freute, trat
der Präsident des nationalen olympischen Komitees
auf ihn zu und sagte ihm:"Herr Thoma, ziehen
sie doch bitte dies und dies und dies an, sie müssen
gleich zur Siegerehrung, sie sind Olympiasieger!"
Völlig entgeistert berichtete Thoma dies sofort
dem damaligen Betreuer der deutschen Nordisch Kombinierten,
worauf er folgende Antwort bekam:" Mach, was
dir gesagt wurde, ich denke zwar auch, dass sie sich
verrechnet haben, aber wir fahren halt mal hin!"
Aber es hatte sich niemand verrechnet und so stand
Georg Thoma wenige Stunden später auf dem obersten
Platz eines Siegerpodests des größten Sportereignisses
der Welt!
Georg Thoma, Germany,Winner of the Olympic Gold Medal
in Squaw Valley 1960, tönte es von einem Tonband,
das Georg uns hierauf vorspielte. Und auch wenn die
Hymne, die hierzu gespielt wurde nicht die der BRD
war, politische Vereinbarungen aufgrund der gesamtdeutschen
Mannschaft hatten dies ergeben, so muß das Gefühl
doch nicht minder erhebend gewesen sein, zumal so
unerwartet.
Georg Thoma war der erste Nichtnorweger, der sich
in dieser dem Sportler soviel abringenden Sportart
das begehrteste aller Edelmetalle sichern konnte,
welches noch heute im Skimuseum zu Hinterzarten in
der Thomastube zu bewundern ist. Die Ehrung für
diesen grandiosen Erfolg wurde übrigens in jenem
von mir schon zuvor erwähnten hinter-zartener
Hotel celebriert, zu dessen betreten Georg erst auf
regen Zuspruch von Vater Thoma überredet werden
konnte.
Hier endet mein Auszug aus dem Lebensbericht von Georg
Thoma, von mir in mehr oder weniger meinen eigenen
Worten wiedergegeben, da ich weder ein Diktiegerät
bei mir hatte, noch mir diesen großartigen Moment
der thomaschen Erzählung durch Schreibarbeit
zunichte machen wollte, wiedereinmal nur aus dem Gedächtnis
erzählt. Ich kann euch nur sagen, mein Bericht
mag von faktischen Fehlern nur so überhäuft
sein und dem orginal nicht annähernd das Wasser
reichen können, aber ich versuche auch nur die
Situation wieder-zugeben, wie sie war, Geschichten,
wie sie in keinem Sportalmanach der Welt zu finden
sind.
Ein Erlebnis, das ich wohl genausowenig vergessen
werde, wie der Olympiasieger den Moment seiner Krönung!
Martin Schneemann
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