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  Anekdoten des Skispringens
  Georg Thoma und sein Olympiasieg in der
     Nordischen Kombination in Squaw Valley 1960

Georg Thoma (GER)

 
Hiermit möchte ich versuchen, euch einen kleinen Einblick in den Wintersport der Nachkriegszeit zu geben.
 
Viele von uns können sich das ja gar nicht mehr vorstellen, ohne Werbung, Millionenverträge, Computerzeitmessung oder Fernsehen, aber es gab Zeiten, in denen man von solchen Dingen in etwa die gleiche Vorstellung hatte, wie der Mensch des ausgehenden Milleniums vom Reisen mit Lichtgeschwindigkeit! Mir wurde die ehre zuteil, einen Menschen dieser "grauen Vorzeit" persönlich kennenzu-lernen.
Ich durfte mit anhören, wie Georg Thoma, seines Zeichens der Onkel des uns allen wohlbekannten Weltklasseskispringers Dieter Thoma, sein Leben in seiner ganz eigenen Art und seinen ganz eigenen Worten Revue passieren läßt!
 
Georg Thoma, eines von sieben Kindern einer hinterzartener Durch-schnittsfamilie, geboren einige Jahre vor Beginn des zweiten Weltkriegs.
Seine Kindheit hat er nur kurz im Kreise der Familie verbracht, mit Ausbruch des besagten Krieges mußte die Mutter die Erziehung alleine übernehmen, das elterliche Haus konnte nicht gehalten werden, Mangel herrschte überall. so kam es dazu, das Georg schon in jungen Jahren von der Familie getrennt wurde und auf einem ortsansässigen Hof als Hirtenjunge ins Arbeitsleben eintrat.
Auch nach Ende des Krieges änderte sich an dieser Situation nicht viel, da der Vater in russischer Gefangenschaft verblieb! Also versuchte Georg, sein Leben zu meistern, so gut es ging!
 
Nicht nur der Lebensstandard der Menschen, auch das Wetter von damals ist mit dem heutigen nicht zu vergleichen. Die Winter waren ungleich härter und so mußten die Menschen damals bei geringeren Möglichkeiten mit weitaus größeren Schneemassen zurechtkommen. wie ginge dies besser, als auf Skiern. und so tat es auch Georg damals, Fortbewegung auf zwei Holzlatten.
Als sich Not und Elend in den fortschreitenden 50er Jahren wieder legten, begannen sich die Menschen auch wieder für andere Dinge, als nur das pure Überleben zu interessieren, so zum Beispiel für den Sport.
 Dem schloß sich auch der junge Thoma an und konnte bald erste Erfolge vorweisen. Er brachte es schließlich bis zum Deutschen Meistertitel seiner Altersklasse und war somit berechtigt, an den Ausscheidungen für die Olympischen Winterspiele teilzunehmen.
Einziger Hinderungsgrund war hier, ihm fehlte das passende Material. Skisprungski und Langlaufski mit ein Gesamtwert von 170.-, bei einem Jahresverdienst von 40.-, er war immernoch als Hirtenjunge tätig, schienen unbezahlbar und somit die Olympiateilnahme unerreichbar. Doch dieser Mann war nicht nur ein hervorragender Sportler, sondern auch ein (wenn ich es so salopp ausdrücken darf) pfiffiges Kerlchen.
 
Was machte er, er sammelte die Summe in Naturalien zusammen, Pilze, Beeren, alles, was die Natur anzubieten hatte. Es waren zwar bei weitem nicht die benötigten Gelder, aber die Idee ist es, die zählt. So zog er also los, in Richtung des Hotels, wohl des Ersten am Platz, um seine Schätze einzutauschen, wie es in der immer noch an Mängeln reichen Zeit üblich war, ohne Schuhe. Luxusgüter, die man im Sommer nicht brauchte und die daher geschont wurden.
Auf seinem Weg wurde er dann von einem Regenschauer überrascht, und das Wasser kühlte seine Füsse aus. Um diese wieder aufzu-wärmen, stellte er sich, wie es damals Sitte war, an eine Kuhweide und wartete darauf, dass einer der behäbigen Widerkäuer etwas "fallen ließ", stellte sich hinein und nach kurzer Zeit waren die von Kälte gepeinigten Gliedmaßen wieder auf Betriebstemperatur gebracht.
 
Zufrieden konnte der Rest des Weges in Angriff genommen werden, nicht bedenkend, dass man die Füße nach solch einem anrüchigen Bad abwaschen sollte. So betrat er nun besagtes Hotel und eh er sich versah, stand er auch wieder davor.
 
Schlußendlich hatte er es aber doch geschafft und durfte an den Aus-scheidungen teilnehmen, bei denen er sich dann auch für einen Platz in der damals gesamtdeutschen Mannschaft qualifizierte. Dies hieß für Thoma, das größte Abenteuer seines Lebens in Angriff zu nehmen, eine Reise in die USA, 1960, zu den Olympischen Spielen von Squaw Valley! Um die Dimensionen dieser Reise in Verhältnisse zu setzen, wer kann von sich heutzutage behaupten, den Mond betreten zu haben. So muß es Georg wohl vorgekommen sein!
 
Der Wettkampf selbst verlief für den Schwarzwälder recht ordentlich, überzeugende sprünge von der Schanze, und auch eine zufrieden-stellende Leistung in der Loipe. In damaligen Zeiten wurde der Lang-lauf noch nicht nach der Gündesen (oft gehörter, aber nie gelesener Name)-Methode bestritten, das heißt, Umrechnung der Punkte nach dem Springen in Sekunden, sondern man startete ähnlich dem heutigen Langlauf in 30sek-Intervallen gemäß der Startnummern.
 
Also lief Thoma sein Rennen, überquerte die Ziellinie und war stolz, sein Pensum geleistet zu haben. Digitale Zeittafeln oder Plazierungen berechnende Computer gab es wie gesagt noch nicht, dementsprechend lange dauerte es, bis die Ergebnisse bekannt wurden.
Als Georg Thoma schon wieder im olympischen Dorf angekommen war und sich auf einen erholsamen Abend freute, trat der Präsident des nationalen olympischen Komitees auf ihn zu und sagte ihm:"Herr Thoma, ziehen sie doch bitte dies und dies und dies an, sie müssen gleich zur Siegerehrung, sie sind Olympiasieger!"
 
Völlig entgeistert berichtete Thoma dies sofort dem damaligen Betreuer der deutschen Nordisch Kombinierten, worauf er folgende Antwort bekam:" Mach, was dir gesagt wurde, ich denke zwar auch, dass sie sich verrechnet haben, aber wir fahren halt mal hin!"
Aber es hatte sich niemand verrechnet und so stand Georg Thoma wenige Stunden später auf dem obersten Platz eines Siegerpodests des größten Sportereignisses der Welt!
 
Georg Thoma, Germany,Winner of the Olympic Gold Medal in Squaw Valley 1960, tönte es von einem Tonband, das Georg uns hierauf vorspielte. Und auch wenn die Hymne, die hierzu gespielt wurde nicht die der BRD war, politische Vereinbarungen aufgrund der gesamtdeutschen Mannschaft hatten dies ergeben, so muß das Gefühl doch nicht minder erhebend gewesen sein, zumal so unerwartet.
 
Georg Thoma war der erste Nichtnorweger, der sich in dieser dem Sportler soviel abringenden Sportart das begehrteste aller Edelmetalle sichern konnte, welches noch heute im Skimuseum zu Hinterzarten in der Thomastube zu bewundern ist. Die Ehrung für diesen grandiosen Erfolg wurde übrigens in jenem von mir schon zuvor erwähnten hinter-zartener Hotel celebriert, zu dessen betreten Georg erst auf regen Zuspruch von Vater Thoma überredet werden konnte.
 
Hier endet mein Auszug aus dem Lebensbericht von Georg Thoma, von mir in mehr oder weniger meinen eigenen Worten wiedergegeben, da ich weder ein Diktiegerät bei mir hatte, noch mir diesen großartigen Moment der thomaschen Erzählung durch Schreibarbeit zunichte machen wollte, wiedereinmal nur aus dem Gedächtnis erzählt. Ich kann euch nur sagen, mein Bericht mag von faktischen Fehlern nur so überhäuft sein und dem orginal nicht annähernd das Wasser reichen können, aber ich versuche auch nur die Situation wieder-zugeben, wie sie war, Geschichten, wie sie in keinem Sportalmanach der Welt zu finden sind.
Ein Erlebnis, das ich wohl genausowenig vergessen werde, wie der Olympiasieger den Moment seiner Krönung!
 
Martin Schneemann
 

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