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"Als vor 60 Jahren in Chamonix der erste - allerdings
erst im nach-hinein olympische Rangerhaltene - Sprunglauf
ausgetragen wurde, gab die Jury nach der Entscheidung
die gesamte Anlauflänge frei, weil die Besten
nach den Medaillen noch um einen Weitenrekord kämpfen
wollten und das Publikum gespannt einen solchen Sprung
erwartete.
Es wurde nicht enttäuscht, denn Olympiasieger
Jakob Tullin Thams landete bei 58,5 m, und so weit
war zumindest in Europa noch niemand gesprungen.
Sechs Jahrzehnte danach hätte die Jury auf beiden
Schanzen den Anlauf freigeben können für
ein Duo, das allein imstande war, um die Goldmedaille
zu kämpfen: Jens Weißflog und Matti Nykänen.
Die gute halbe Hundertschaft, die sich außer
den beiden Leichtgewichten aus der DDR und FINNLAND
noch in den Startlisten hatte eintragen lassen, kam
für den Rang eines Olympiasiegers faktisch nicht
in Frage.
Das liest sich hart, trifft aber den Kern. In beiden
Fällen entschieden die Nerven alles. Der Sprunglauf
auf der Normalschanze wurden zur härtesten Nervenprobe,
weil die Bedingungen durch das Wetter - pausenloses
Schneetreiben und böige Winde - extrem schlecht
waren.
Würde man die Plazierungen beider Durchgänge
miteinander vergleichen, käme man zu der Vermutung,
dass es sich um Sprünge handelt, die an zwei
verschiednen Tagen ausgetragen worden waren. Da hatte
sich der BRD-Springer Andreas Bauer auf den 3. Rang
gebracht, aber der nicht nur in Kanada zu den Favoriten
zählende Horst Bulau fand sich auf Platz 42.
Der US-Amerikaner Dennis McGrane tauchte an 6. Stelle
auf, während man bis zum Platz 50 suchen mußte,
um den österreichischen Weltmeister Armin Kogler
zu finden. Am ärgsten hatte es den Lokalmatador
Primoz Ulaga erwischt. Er hatte sich ein Jahr zuvor
bei den vorolympischen Wettkämpfen druch den
Sieg nachdrücklich empfohlen und war auch zu
Beginn des olympischen Winters bei einigen Sprungläufen
durch steigende Form aufgefallen. Ihm mißlang
so etwa alles, was bei einem Sprung mißlingen
kann: der letzte Platz war der bittere Lohn.
Die Ziffern, die Aufschluss über die Geschwindigkeit
geben, verraten genug über diese Entscheidung.
Der Norweger Oegard Opaas durchfuhr die Lichtschranke
auf dem Schanzentisch mit 90 km/h, sein Landsmann
Per Bergerud musste sich mit 88,2 km/h begnügen.
Ursache für diese extrem Geschwindigkeiten und
Differenzen: sowie auch nur einen Augenblick gewartet
werden musste, um dem Wind zu entgehen, schneite die
Spur zu und wurde demzufolge langsamer. Diese Unterschiede
mussten logischerweise gerade auf der Normalschanze
ins Gewicht fallen. Dies als Erklärung für
den - vorsichtig formuliert - ungewöhnlichen
Verlauf dieser Entscheidung.
Hinzu kam ein weiterer Faktor.
Während der Vierschanzentournee zur Jahreswende
war ein Seminar für die Kampfrichter abgehalten
worden, in dessen Verlauf der Norweger Thorbjörn
Yggeseth - damals Vorsitzender der Sprungkommission
der FIS - dafür plädiert hatte, künftig
die Landung des Skispringers wieder genauer zu bewerten.
Zugegebenermaßen hatten die Kampfrichter während
der Tournee weite Sprünge mit hohen Noten bedacht,
weil sie von der Voraussetzung ausgingen, dass ein
guter Springer sein muss, wer den kritischen Punkt
einer Schanze erreicht oder gar überspringt.
Das Resultat dieses Seminars war unbeschreiblich:
Ein einziger Springer erhielt 55 Haltungspunkte von
den 60 möglichen, dreimal wurde eine 52,5 vergeben.
Die 55 Punkte erhielt der Finne Jari Puikkonen, der
sich mit einem unbestrittenen glanzvollen 2. Sprung
vom 21. Rang auf den 3.Platz brachte.
Nun aber zu den beiden, die den Kampf um die Goldmedaille
austrugen: Jens Weißflog und Matti Nykänen.
Beide gelten als "Leichtgewichte". Der Finne
mißt 1,76 m und wiegt 55 kg, der DDR-Springer
ist 8 cm kleiner und 3 kg leichter.
Tatsächlich erwies sich am Tag der Entscheidung
auf der Normal-schanze, dass die beiden die besten
Nerven hatten. Sie trotzten den extremen Bedingungen,
wobei Weißflog noch den Nachteil hatte, vor
dem Finnen in die Spur zu müssen. Er erreichte
im 1. Durchgang mit 90 m genau den kritischen Punkt,
erhielt dafür den 60-Punkte-Bonus und 50,5 Punkte
für die Haltung. Nykänen sprang einen Meter
weiter, erhielt dafür 61,6 Weitenpunkte und durfte
sich 2 volle Haltungspunkte mehr gutschreiben lassen
- 114,1 Punkte und somit 3,6 Punkte Vorsprung.
Umgerechnet waren es 2,25 m, und das schien unter
den gegebenen Umständen kaum mehr aufholbar.
Aber Weißflog landete bei 87 m - wurde allerding
nur mit 49,5 Haltungspunkten belohnt- während
Nykänen schon nach 84 m aufsetzte. Diesmal erhielt
er nur die gleichen Haltungsnoten. Damit hatte er
das Duell ums Gold mit 1,2 Punkten verloren.
Nach einem Tag Pause begann das Training auf der Großschanze.
Die Finnen, denen verständlicherweise unendlich
viel an einem Nykänen-Sieg lag, entschlossen
sich gegen den Willen des Trainers, einem Psychologen
die letzte Vorbereitung zu übertragen. Der abslovierte
mit ihm ein ausgiebiges autogenes Training, und als
die Entscheidung auf der Großschanze dann fiel,
zeigte sich, dass auch an diesem Tag die Nerven viel
entschieden. Zwar störte auch hier der Wind -eine
Rückenwindböe oder eine Gegenwindbrise konnte
über Weitendifferenzen bis zu 10 m entscheiden.
Für den Sieg allerdings kamen wieder nur Nykänen
und Weißflog in Betracht. Nach dem Training
hatten sich vor allem der Pole Pjotr Fijas und Klaus
Ostwald nachdrücklich empfohlen, aber ihnen fehlte
es dann an der erforderlichen Konzentration. Jens
Weißflog -wiederum vor Nykänen ausgelost,
kam zu spät von Tisch weg, wurde obendrein vom
Rückenwind erwischt und landete bei 107 m, diesmal
allerdings wenigstens mit 53 Haltungspunkten bedacht.
Nykänen, eine Minute später aus der Luke
kommend, konnte sich über ideale Bedingungen
freuen. Allerdings tat er auch alles dazu, diese Bedingungen
zum "besten Sprung seines Lebens" zu nutzen,
wie er gleich nach der Landung versicherte. 116 m
und 53,5 Haltungspunkte, das trug ihm einen Vorsprung
vor Weißflog von 13,1 Punkten ein.
Der Oberwiesenthaler hätte im 2. Durchgang bei
gleicher Haltung 10 m weiter springen müssen
als der Finne, doch Nykänen landete bei 111 m
und übertrieb sicher nicht, als er sagte, er
habe "gebremst", als er sicher war, die
für den Sieg nötige Weite erreicht zu haben.
Jens Weißflog, wieder nicht ideal vom Tisch
gekommen, setzte bei 107,5 m auf. So entstand zwischen
beiden eine 17,5 Punkte-Lücke, und das war die
größte Differenz zwischen dem 1. und 2.
in der Geschichte der olympischen Sprünge von
Großschanzen. Die Bronze-Medaille holte sich
der CSSR-Springer Pavel Ploc.
Wie immer man die beiden Sprungläufe von 1984
betrachtet, sie reduzierten sich letztlich auf ein
großes Duell zweier "Kleiner", die
ihre Zweikämpfe zu einem echten olympischen Erlebnis
werden ließen."
Simone
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