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  Anekdoten des Skispringens
  Sarajevo 1984 - XIV. Olympische Winterspiele  

 
"Als vor 60 Jahren in Chamonix der erste - allerdings erst im nach-hinein olympische Rangerhaltene - Sprunglauf ausgetragen wurde, gab die Jury nach der Entscheidung die gesamte Anlauflänge frei, weil die Besten nach den Medaillen noch um einen Weitenrekord kämpfen wollten und das Publikum gespannt einen solchen Sprung erwartete.
 
Es wurde nicht enttäuscht, denn Olympiasieger Jakob Tullin Thams landete bei 58,5 m, und so weit war zumindest in Europa noch niemand gesprungen.

Sechs Jahrzehnte danach hätte die Jury auf beiden Schanzen den Anlauf freigeben können für ein Duo, das allein imstande war, um die Goldmedaille zu kämpfen: Jens Weißflog und Matti Nykänen. Die gute halbe Hundertschaft, die sich außer den beiden Leichtgewichten aus der DDR und FINNLAND noch in den Startlisten hatte eintragen lassen, kam für den Rang eines Olympiasiegers faktisch nicht in Frage.
Das liest sich hart, trifft aber den Kern. In beiden Fällen entschieden die Nerven alles. Der Sprunglauf auf der Normalschanze wurden zur härtesten Nervenprobe, weil die Bedingungen durch das Wetter - pausenloses Schneetreiben und böige Winde - extrem schlecht waren.
Würde man die Plazierungen beider Durchgänge miteinander vergleichen, käme man zu der Vermutung, dass es sich um Sprünge handelt, die an zwei verschiednen Tagen ausgetragen worden waren. Da hatte sich der BRD-Springer Andreas Bauer auf den 3. Rang gebracht, aber der nicht nur in Kanada zu den Favoriten zählende Horst Bulau fand sich auf Platz 42.

Der US-Amerikaner Dennis McGrane tauchte an 6. Stelle auf, während man bis zum Platz 50 suchen mußte, um den österreichischen Weltmeister Armin Kogler zu finden. Am ärgsten hatte es den Lokalmatador Primoz Ulaga erwischt. Er hatte sich ein Jahr zuvor bei den vorolympischen Wettkämpfen druch den Sieg nachdrücklich empfohlen und war auch zu Beginn des olympischen Winters bei einigen Sprungläufen durch steigende Form aufgefallen. Ihm mißlang so etwa alles, was bei einem Sprung mißlingen kann: der letzte Platz war der bittere Lohn.
Die Ziffern, die Aufschluss über die Geschwindigkeit geben, verraten genug über diese Entscheidung. Der Norweger Oegard Opaas durchfuhr die Lichtschranke auf dem Schanzentisch mit 90 km/h, sein Landsmann Per Bergerud musste sich mit 88,2 km/h begnügen.
Ursache für diese extrem Geschwindigkeiten und Differenzen: sowie auch nur einen Augenblick gewartet werden musste, um dem Wind zu entgehen, schneite die Spur zu und wurde demzufolge langsamer. Diese Unterschiede mussten logischerweise gerade auf der Normalschanze ins Gewicht fallen. Dies als Erklärung für den - vorsichtig formuliert - ungewöhnlichen Verlauf dieser Entscheidung.
Hinzu kam ein weiterer Faktor.

Während der Vierschanzentournee zur Jahreswende war ein Seminar für die Kampfrichter abgehalten worden, in dessen Verlauf der Norweger Thorbjörn Yggeseth - damals Vorsitzender der Sprungkommission der FIS - dafür plädiert hatte, künftig die Landung des Skispringers wieder genauer zu bewerten. Zugegebenermaßen hatten die Kampfrichter während der Tournee weite Sprünge mit hohen Noten bedacht, weil sie von der Voraussetzung ausgingen, dass ein guter Springer sein muss, wer den kritischen Punkt einer Schanze erreicht oder gar überspringt. Das Resultat dieses Seminars war unbeschreiblich: Ein einziger Springer erhielt 55 Haltungspunkte von den 60 möglichen, dreimal wurde eine 52,5 vergeben. Die 55 Punkte erhielt der Finne Jari Puikkonen, der sich mit einem unbestrittenen glanzvollen 2. Sprung vom 21. Rang auf den 3.Platz brachte.
 
Nun aber zu den beiden, die den Kampf um die Goldmedaille austrugen: Jens Weißflog und Matti Nykänen. Beide gelten als "Leichtgewichte". Der Finne mißt 1,76 m und wiegt 55 kg, der DDR-Springer ist 8 cm kleiner und 3 kg leichter.

Tatsächlich erwies sich am Tag der Entscheidung auf der Normal-schanze, dass die beiden die besten Nerven hatten. Sie trotzten den extremen Bedingungen, wobei Weißflog noch den Nachteil hatte, vor dem Finnen in die Spur zu müssen. Er erreichte im 1. Durchgang mit 90 m genau den kritischen Punkt, erhielt dafür den 60-Punkte-Bonus und 50,5 Punkte für die Haltung. Nykänen sprang einen Meter weiter, erhielt dafür 61,6 Weitenpunkte und durfte sich 2 volle Haltungspunkte mehr gutschreiben lassen - 114,1 Punkte und somit 3,6 Punkte Vorsprung.
Umgerechnet waren es 2,25 m, und das schien unter den gegebenen Umständen kaum mehr aufholbar. Aber Weißflog landete bei 87 m - wurde allerding nur mit 49,5 Haltungspunkten belohnt- während Nykänen schon nach 84 m aufsetzte. Diesmal erhielt er nur die gleichen Haltungsnoten. Damit hatte er das Duell ums Gold mit 1,2 Punkten verloren.
 
Nach einem Tag Pause begann das Training auf der Großschanze. Die Finnen, denen verständlicherweise unendlich viel an einem Nykänen-Sieg lag, entschlossen sich gegen den Willen des Trainers, einem Psychologen die letzte Vorbereitung zu übertragen. Der abslovierte mit ihm ein ausgiebiges autogenes Training, und als die Entscheidung auf der Großschanze dann fiel, zeigte sich, dass auch an diesem Tag die Nerven viel entschieden. Zwar störte auch hier der Wind -eine Rückenwindböe oder eine Gegenwindbrise konnte über Weitendifferenzen bis zu 10 m entscheiden.
 
Für den Sieg allerdings kamen wieder nur Nykänen und Weißflog in Betracht. Nach dem Training hatten sich vor allem der Pole Pjotr Fijas und Klaus Ostwald nachdrücklich empfohlen, aber ihnen fehlte es dann an der erforderlichen Konzentration. Jens Weißflog -wiederum vor Nykänen ausgelost, kam zu spät von Tisch weg, wurde obendrein vom Rückenwind erwischt und landete bei 107 m, diesmal allerdings wenigstens mit 53 Haltungspunkten bedacht. Nykänen, eine Minute später aus der Luke kommend, konnte sich über ideale Bedingungen freuen. Allerdings tat er auch alles dazu, diese Bedingungen zum "besten Sprung seines Lebens" zu nutzen, wie er gleich nach der Landung versicherte. 116 m und 53,5 Haltungspunkte, das trug ihm einen Vorsprung vor Weißflog von 13,1 Punkten ein.
 
Der Oberwiesenthaler hätte im 2. Durchgang bei gleicher Haltung 10 m weiter springen müssen als der Finne, doch Nykänen landete bei 111 m und übertrieb sicher nicht, als er sagte, er habe "gebremst", als er sicher war, die für den Sieg nötige Weite erreicht zu haben. Jens Weißflog, wieder nicht ideal vom Tisch gekommen, setzte bei 107,5 m auf. So entstand zwischen beiden eine 17,5 Punkte-Lücke, und das war die größte Differenz zwischen dem 1. und 2. in der Geschichte der olympischen Sprünge von Großschanzen. Die Bronze-Medaille holte sich der CSSR-Springer Pavel Ploc.
 
Wie immer man die beiden Sprungläufe von 1984 betrachtet, sie reduzierten sich letztlich auf ein großes Duell zweier "Kleiner", die ihre Zweikämpfe zu einem echten olympischen Erlebnis werden ließen."

Simone
 

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