|
 |
 |
Die
Geschichte des Skispringen |
 |
 |
 |
Historische
Entwicklung |
|
Die Ursprünge des Skisprungs liegen nach den bisher
bekannten Quellen und Überlieferungen in der norwegischen
Provinz Telemark zum Ende des 18. Jahrhunderts. Die
dort lebenden Bergbauern nutzten während der langen
und schneereichen Wintermonate Skandinaviens die Hänge
der Umgebung zur alpinen Abfahrt.
Kleine Geländeunebenheiten und Hügel steuerten
sie dabei zu kurzen Sprungeinlagen an.
Mit der Zeit stieg das Interesse der Telemarker diese
Art der Luft-
sprünge intensiver zu betreiben. Das Skispringen
löste sich allmählich vom ursprünglichen
Abfahrtslauf ab und entwickelte sich zu einer eigenständigen
Sportart. (39, 43)
Die ersten schriftlichen und bildlichen Quellen stammen
aus der Welt der Skisoldaten. Der holländische
Seeoffizier Cornelius De Jong berichtete in seinem Buch
"Reizen naar de Kap" (Amsterdam, 1796) erstmals
von skisprung betreibenden Soldaten.Er beobachtete eine
norwegische Skikompanie bei Bergen, die mit Skiern über
schnee-
bedeckte Holzhaufen oder Scheunendächern sprangen
und in Heuhaufen ihre Sprünge zum Abschluß
brachten.
(9, 39, 80, 81)
|
 |
 |
 |
1808
... |
|
... notierte ein norwegischer Major in seinen Erinnerungen
den nach-weislich ersten gemessenen Sprung der Skigeschichte.
Leutnant Olaf Rye gelang ein Sprung von 9,5 Metern über
einen künstlich aufgeworf-enen Schneehügel.
(6, 14, 61, 77, 79)
Der wohl berühmteste Springer dieser Zeit war Sondre
Auverson Nordheim (1825 - 1917), ein Zimmermann und
Skibauer aus dem Telemarker Dorf Morgedahl. Er erreichte
schon 1860 eine Weite von 30,5 Metern. Diese Bestmarke
konnte 33 Jahre lang von keinem anderen Springer überboten
werden.
Von der Provinz Telemarken aus gewann die noch junge
Sportart in Norwegen schnell an Popularität. In
Kristiania, dem späteren Oslo, wurde am Husebyhügel
eine kleine Schanze erbaut und 1879 mit dem traditionelle
Husebyhügel-Skirennen eingeweiht. 1892 erfolgte
die Verlegung der jährlich stattfindenden Veranstaltung
an den weltweit berühmten Holmenkollen.
(7, 9, 21, 34, 43, 46, 47, 53, 67, 81)
|
|
 |
 |
Ab
1860 |
|
Durch die Erkenntnis, dass der Landedruck bei einem
schrägen Aufsprungwinkel geringer sein würde,
verlegten die Telemarker die Landezone von der Ebene
in den Hang hinein. Es bildete sich eine neue Sprungtechnik
heraus. Im "Sta-rak-Stil" (zu deutsch "aufrecht")
nahm der Springer eine kerzengerade Körperhaltung
während des Flugabschnitts ein.
Beiden Flugstilarten gemeinsam waren die krampfhaft
rudernden Armbewegungen, um das Gleichgewicht zu halten.Ein
mitgeführter Balancestock erwies sich als eher
hinderlich und verlor an Bedeutung (6, 10, 28, 41, 43,
53, 67, 81).
Der Sprung endete mit der von Torju Torjussen erstmals
1883 erprobten Telemarklandung, die sich bis heute als
sichere Lande-
technik bewährt hat (30, 46, 55). Im Auslauf brachte
sich der Springer mit einem abschließenden Telemarkschwung
oder einer Scheren-
stellung der Skier endgültig zum Stehen (46, 47,
67).
Ab 1860 wanderten einige der berühmtesten norwegischen
Ski-
pioniere in die USA aus. Sondre Nordheim emigrierte
gegen Ende des 19. Jahrhunderts und versuchte dort,
ebenso wie seine Lands-
leute, mit den sportlichen Leistungen Geld zu verdienen.
Selbst in dem berühmten Zirkus Barum & Bailey
zeigten Skispringer ihre Kunst.
Am Ende des 19. Jahrhunderts diktierten die Norweger,
ins-
besondere vertreten durch Fritz Huitfeldt, auch weiterhin
die für Wettkämpfe verbindlichen Haltungsnormen
im Skisprung.
Es etablierte sich der "Tuppa-ned-Stil" (zu
deutsch "Spitzen tief"), bei dem der Springer
eine kerzengerade Position wie ein Zinnsoldat einnahm
und versuchte die vorderen Skienden während des
Fluges parallel zum Sprunghang zu halten. Diese Sprungtechnik
war mit einem hohen Luftwiderstand verbunden und hemmte
das von vielen Springern angestrebte Ziel, größere
Weiten zu springen, erheblich.
Erst nach Jahren nahm der Einfluß von Sprungweiten
in der Beurteil-ung der Gesamtnote bei Sprungveranstaltungen
zu.
(10, 67, 81)
Nach Peyerl lagen die Gründe in der ablehnenden
Haltung gegen-
über modernen Flughaltungen im ungünstigen
Geländeprofil Skandinaviens. Die meist abgerundeten
und nur recht kleinen Hügel hätten den Bau
größerer Naturschanzen nicht erlaubt (54).
|
|
 |
 |
Ab
1900 |
|
Die starren Haltungsnormen Norwegens waren für
die sensations-
hungrigen Zuschauer von geringer Bedeutung und somit
gingen große Impulse in der Entwicklung der Sprungtechnik
und neue Weitenrekorde von der Neuen Welt aus (10, 47,
74, 80, 81).
Zwischen 1900 und 1930 wurden alleine 12 der 20 aufgestellten
Weitenweltrekorde von norwegischen Springern in Nordamerika
aufgestellt (81).
Einen großen Einfluß auf die Verbreitung
der nordischen Skisport-
arten in Mitteleuropa hatte das Buch von Fridtjof Nansen
"Auf Schnee-
schuhen durch Grönland", das 1891 in einer
deutschen Übersetzung in Hamburg erschien und eine
große Nachfrage nach Skiern auslöste. (34,
46, 47, 48, 76)
Als eine Art Geburtsdatum des Skispringens in Mitteleuropa
könnte der 2. Februar 1893 angesehen werden (67).
Der Verband steirischer Skiläufer veranstaltete
im österreichischen Mürzzuschlag den ersten
Skisprungwettbewerb. Der in Wien als Bäckerlehrling
arbeitende Norweger J. Bismarck Samson gewann die Konkurrenz
von einem verschneiten Misthaufen mit einer Rekordweite
von 6 Metern. Zu diesem Zeitpunkt lag die Entwicklung
des Skispringens in Zentral-
europa um gut dreißig Jahre gegenüber der
von Norwegen ent-
wickelten Sprungkultur zurück.
Erst als zur Jahrhundertwende norwegische Studenten
ihr Können in Mitteleuropa weitervermittelten,
verringerte sich der Leistungsabstand stetig. (3, 46,
47, 55, 63, 67, 81)
|
|
 |
 |
Ab1912 |
|
Bereits ab 1912 setzte sich in den USA ein neuer "Vorlage-Stil"
durch. Mit dem Bau größerer Schanzen stieg
die Anfahrtsgeschwindigkeit und der Luftwiderstand.
Um diesen Kräften entsprechend zu begegnen, winkelten
die Springer in der Flugphase ihren Oberkörper
in den Hüften nach vorne an und erzielten verbesserte
Weiten (62).
Gut ein Jahrzehnt später gelang Tullin Thams mit
starker Vorlage-
Technik der Olympiasieg von Chamonix im Jahre 1924.
Seinen Oberkörper knickte er in der Flugphase parallel
zu den Skiern ab, ruderte leicht mit den Armen und distanzierte
die Konkurrenz somit deutlich (67).
|
|
 |
 |
Ab
1926 |
|
Der schweizerische Flugzeugingenieur und ehemaliger
Springer Dr. Reinhard Straumann erkannte an den Sprüngen
von Thams als erster Theoretiker die Bedeutung der Luft
als tragenden Faktor und beschäftigte sich erstmals
1926 wissenschaftlich in welcher Bezieh-
ung die Skisprungfaktoren Geschwindigkeit, Technik,
Körperhaltung und Schanzenprofile zueinander stehen.
Er führte entsprechende Messungen bei Sprungveranstaltungen
durch und entwickelte in Modellversuchen mit fast lebensgroßen
Springer-puppen im Windkanal der Göttinger Universität
seine aerodynam-ischen Theorien der idealen Sprunghaltung,
die er 1926/27 veröffent-lichte. In seinen Berechnungen
kam er zu der Erkenntnis, dass der Springer eine dem
aerodynamischen Prinzip von Flugzeugtragflächen
nachempfundenen Flughaltung die besten Weiten erzielen
könnte. Die praktische Anwendung seiner Theorien
erfolgte allerdings erst zwei Jahrzehnte später.
(52, 67, 72, 73, 81)
In den dreißiger Jahren war Birger Ruud einer
der herausragenden Springer seiner Zeit. Der zweifache
Olympiasieger von 1932 und 1936 und dreifacher Weltmeister
zwischen 1931 und 1937 sprang mit starkem Hüftknick
und rudernden Armen.Seine Flugtechnik ging als "Kongsberger-Stil
" in die Skigeschichte ein.
Er und seine Brüder prägten fast zwanzig Jahre
lang die europäische Springerszene (67). Der Österreicher
Sepp Bradl segelte mit nach vorne gestreckten Armen
1936 auf der Mammutschanze von Planica als erster Mensch
über 100 Meter weit. Bis 1948 war der Vorlage-Stil
unter den Springern das dominierende Sprungideal.
Die Technik variierte bis dahin im Ausprägungsgrad
der Körpervor-streckung und ging teilweise in eine
fast gestreckte Flughaltung über. Das anfänglich
starke Kreisen oder Rudern der Arme veränderte
sich im Laufe der Zeit zugunsten kleinerer ellipsenhaften
Bewegungen (34, 81).Ende der vierziger Jahre studierte
Dr. Reinhard Straumann mit seinem Landsmann Andreas
Däscher die von ihm bereits 1926 formulierten aerodynamischen
Flughaltungstheorien
ein.
|


|
 |
 |
Ab
1950 |
|
Straumann instruierte den Springer nach dem Absprung
die Arme ganz ruhig an den Körper zu legen und
die Hände neben die kaum noch geknickten Hüften
wie Flossen zum Steuern des Fluges zu benutzen.
Diese Technik fand zunächst unter dem Namen "Däscher-Stil"
seine Anerkennung. In Anlehnung an die besondere Körperhaltung
etab-
lierten sich auch die Bezeichnungen "Tropfen- oder
Fisch-Technik"
(1, 27, 42, 58, 67).
Wenige Jahre später entwickelte sich diese Art
zu springen zu einer Domäne junger finnischen Springer.
Somit erhielt die Technik als "Finnen-Stil"
eine weitere Wortschöpfung hinzu.
(42, 67, 81)
Fritz Straumann lieferte durch Windkanaluntersuchungen
im Flugzeug-werk Emmen/Schweiz mit Andreas Däscher
Mitte der fünfziger Jahre den wissenschaftlichen
Beweis für die hervorragenden Eigenschaften der
neuen Sprungstil-Revolution.
(18, 67)
Mit dem Neujahrsspringen von 1953 in Garmisch-Partenkirchen
wurde die bis heute bestehende deutsch-österreichische
Vier-Schanzen-Tournee ins Leben gerufen. Die von vielen
Springern favorisierte "Armstreck-Technik"
bei gerader nach vorne geneigter Körperhaltung,
stellte noch bis in die siebziger Jahre hinein eine
konkurrenzfähige Flugstilalternative zum längst
etablierten "Fisch-Stil" dar. (28, 40, 42,
58, 67)
|
 |
 |
 |
Ab
1975 |
|
Die Technologen der ehemaligen DDR entdeckten 1975 an
Heinz Wosipiwo eine aerodynamisch günstigere Anlaufposition,
indem er die Arme nach hinten anstatt wie bisher nach
vorne führte.
Diese Haltung etablierte sich schnell unter den Athleten
(31, 59).
Bis Anfang der neunziger Jahre dominierte, trotz kleinerer
Variationen, die gestreckte Körpervorlage in der
Flugphase. Die Arme lagen dabei ruhig nach hinten geführt
den Körperseiten an.
Die parallele Skiführung erfolgte annähernd
horizontal. Der Aufsprung endete auch weiterhin mit
einer klassischen Telemarklandung.
(8, 14)
|
|
 |
 |
Ab
1987 |
|
Die jüngste richtungsweisende Skisprung-Revolution
wurde vom Schweden Jan Bokloev 1987 eingeleitet. Der
zunächst als "Froschstil" oder "Bokloev-Schere"
betitelte V-Stil zwang die komplette Weltelite in den
darauffolgenden Jahren auf diese Technik umzustellen
(23, 26).
Bei der Gegenüberstellung des 1976 eingesetzten
Materials und Sprungstils mit dem Stand von 1994 konnten
deutliche Fortschritte in der Skisprungentwicklung dokumentiert
werden.
Der Einfluß der Luftkräfte stieg im Laufe
der Zeit um 60 Prozent und verdeutlichte die immer größer
werdende Dominanz der Flugphase im Vergleich zu früher,
als die Absprungphase noch als entscheiden erachtet
wurde (51).
Bei der Betrachtung des von Straumann 1927 ermittelten
Cw-Wertes, konnte dieser von damals 0,5 bis 0,7 auf
heutige 0,05 gesenkt werden (21).
Als erste Nation stellte der damalige österreichische
Trainer Toni Innauer seine Athleten geschlossen auf
den V-Stil um und stellte das mit Abstand beste Team
in der Saison 1991/92. Als perfektester Einzelspringer
ging der Finne Toni Nieminen mit zwei olympischen Goldmedaillen
aus dieser Saison hervor. Auch Jens Weißflog der
zweifache Olympiasieger von 1984 und vierfacher Sieger
der Vier-
Schanzen-Tournee gelang die Umstellung auf den neuen
Stil und krönte seine Laufbahn 1994 mit der zweifachen
Goldmedaille von Lillehammer bei den Olympischen Spielen
(19, 26, 31, 36).
|
 |
 |
 |
Ab
1994 |
|
Zu einer weiteren Modifizierung des V-Stils kam es durch
japanische Springer 1994 in Lillehammer. Takanobu Okabe
war einer der ersten Springer, der den "flachen
V-Stil" mit besonderer Körpervorlage demonstrierte,
so dass ein Körper fast zwischen den Skiern lag.
Umfangreiche Windkanaluntersuchungen und Computersimulationen
lieferten die Daten für die nahe am theoretischen
Optimum liegende Flughaltung. Noch im gleichen Jahr
reglementierte die FIS die Bindungsposition auf den
Skiern, um diese extreme Position
formell zu unterbinden (32, 45).
|
|
|
zurück |