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  Die Geschichte des Skispringen
  Meilensteine des Skisprungs  
von Martin Oster (Schneemann 12.03.1999)
 
Auf dieser Seite finden Sie einen kleinen Rückblick auf 60 Jahre Skispringen. Die Zeiten haben sich geändert und in gleichem Maße auch das Material und die Art, in der sich die Helden von einst und heute von den Schanzen stürzen und durch die Lüfte fliegen. Hier sollen nun einige dieser großen Menschen geehrt werden, die die bedeutensten Kapitel in der langen Entwicklung des Skispringens geschrieben haben.
 
Gleichzeitig kann sich hier jeder einen Eindruck davon machen, wie es zu Großvaters und Vaters Zeiten auf den Schanzen zuging. Anfänglich wird diese Seite noch einem recht dynamischen Prozeß unterliegen, da wir noch nicht über umfassenderes Material aus den Zeiten von 1930 bis 1980 verfügen. Wir sind aber darum bemüht, diese Seite mit weiteren Informationen und Bildern zu ergänzen, sobald sie uns zur Verfügung stehen.
 
 
  Im Jahr 1936 ...  
  
... erreichte das Skispringen völlig neue Dimensionen. Auf der noch heute bekannten Flugschanze in Planica übersprang Sepp "Bubi" Bradl als erster Mensch die damals unerreichbar scheinende Marke von 100m. Er war auch der erste, der die 1953 ins Leben gerufene Vierschanzen-tournee gewann.
Sein für damalige Verhältnisse moderner Sprungstil ähnelte wenig dem heute bekannten V-Stil. Die Sprunglatten parallel unter seinen Füssen und mit den Händen wild rudernd flog er durch die Luft.
 
 

Sepp Bradl - erster 100m Sprung
  Mitte der 50er Jahre ...  
 
...kam es dann zu ersten Veränderungen in der Flugphase. Man kam mehr und mehr davon ab, die Arme während des Sprungs zu bewegen und sprang schließlich gänzlich mit nach vorne gestreckten Armen.
In dieser Phase machte auch der technische Fortschritt vor dem Skispringen nicht halt. Umfangreiche Tests in Windkanälen ergaben, dass eine aerodynamischere Haltung dadurch zu erreichen war, dass man die Hände an die Hosennaht hielt. Der sogenannte Fischstil war geboren.
 
 
  In den 70er Jahren...  
 
...begann auch im Skispringen die Kommerzialisierung und für mehr und mehr Springer wurde ihr Sport zum Fulltimejob. In dieser Phase profitierte das Skispringen erheblich vom technischen Fortschritt. Durch vermehrte Medienpräsenz wurde der Sport der breiten Masse zugänglicher gemacht. Mußte man früher weite Anreisen in Kauf nehmen, um die Herren der Lüfte zu bewundern, so wurden die Wettkämpfe jetzt durch das Fernsehn freihaus ins Wohnzimmer geliefert.
 
Große Namen dieser Zeit waren:
Hans-Georg Aschenbach (DDR - Doppelweltmeister 1974 und Olympiasieger 1976), Walter Steiner (SUI - Skiflugweltmeister 1972, 1977) oder Yukyo Kasaya (JPN - Olympiasieger 1972).
 
Besonders hervorgehoben sei hier noch Anton "Toni" Innauer.
Der ehemalige Trainer der österreichischen Springer wurde 1976 in Innsbruck Olympiazweiter von der Großschanze und erhielt für seinen Goldsprung, der am Ende doch nur für Silber gereicht hat, fünfmal die Höchstnote 20, ein zu diesem Zeitpunkt noch nie dagewesener Triumph!
 
 

Toni Innauer (AUT) bei den olymp-
ischen Spielen in Innsbruck 1976
  Die 80er Jahre ...  
 
... wurden von zwei herausragenden Springern beherrscht. Das damalige ewige Duell auf den Schanzen dieser Welt hieß Matti Nykänen versus Jens Weißflog.
Wenn diese beiden Athleten zum Wettkampf antratern, konnten die in Scharen angereisten Fans sicher sein, ein an Spannung und Dramatik kaum zu überbietendes Springen zu erleben. Im Schatten der beiden wurden, ohne deren Leistung abwerten zu wollen, die anderen Springer meist zu Statisten degradiert.
 
Die beiden haben mit (Nykänen: 5 olympische Goldmedaillen, 2 Siege bei der 4-Schanzen-Tournee, 4 WM Titel; Weißflog mit 3 olympischen Goldmedaillen, 4 Siegen bei der Vierschanzen-Tournee, und 1 WM Titel) dieses Jahrzehnt des Skispringens klar dominiert.
 
In dem Höhepunkt schlechthin gipfelte dieses Duell bei den olymp-ischen Spielen 1984 in Sarajevo. Dieses größte Sportevent der Welt bot die Bühne für die beiden Matadore der Lüfte und nun lag es nur noch an ihnen, dem Schauspiel Leben einzuhauchen. Und das taten sie in eindrucksvoller Weise. Trotz katastrophaler Wetterbedingungen, hervorgerufen durch Wind und Schneefall, beherrschten die beiden damals knapp 20jährigen das Feld und teilten die begehrten Medaillen unter sich auf. Den Wettbewerb auf der Großschanze entschied Nykänen vor Weißflog für sich, auf der Normalschanze wurde das Ergebnis umgedreht!
 
 

 Matti Nykänen (FIN)


Jens Weißflog (GER)
  Dieter Thoma  
 
Mit dem ausgehenden Jahrzehnt endete auch die Karriere des Finnen Matti Nykänen. Zu dieser Zeit trat ein neuer Star ins Rampenlicht der Medien.
Dieter Thoma`s Karriere begann in der zweiten Hälfte der 80er Jahre. Es war im deutschen Skisprunglager eine Zeit des Umbruchs, große Namen wie Andreas Bauer, Thomas Klauser oder Peter Rohwein beendeten ihre Karriere und ein junger unbekannter Himmelsstürmer namens Dieter Thoma, ein schon damals wohlbekannter Familien-name, erklomm die Stufen ins Rampenlicht.
Seinen Höhepunkt fand dieser Aufstieg in der Saison 1989/90, als Thoma gleich zwei Titel für sich verbuchen konnte, Skisprungwelt-meister und Sieger der Vierschanzentournee, ein für westdeutsche Verhältnisse damals lange verborgenes Hochgefühl in dieser Sportart.
 
Dieter Thoma avancierte zur unumstrittenen Nummer eins im deutschen Springerlager. Dann, im Jahr 1990 wurden die Sportver-bände der damaligen DDR und der BRD zusammengeführt und plötzlich sah sich Dieter mit einem Springer konfrontiert, der an Titeln noch ein bißchen mehr aufzubieten hatte, als er selbst.
 
Jens Weißflog und Dieter Thoma standen plötzlich in einem Team und, als könne es nur einen Spitzenspringer in Reihen des DSV geben, ließen Dieters Leistungen nach. Die Gründe hierfür finden sich aber wohl eher in der Umstellung auf den V-Stil.
Eins war aber sicher, Dieter hatte seinen Status als Klassenprimus verloren. Diese Rolle nahm nun sein ehemaliger Konkurrent aus dem Ostteil des Landes ein.
 
So blieb die Situation auch weiterhin, trotz der "thomaschen Olympia-ausbeute" einer Gold- und einer Bronzemedaille, er stand doch weiterhin immer im Schatten eines Jens Weißflog.
Als dieser nun in der Saison 1995/96 seinen Rücktritt bekanntgab, munkelte man in deutschen Skisprungkreisen über den Fortbestand der Weltklassigkeit ohne den Leitwolf. In diesem Moment sprang eben beschriebener Dieter Thoma wieder ein, vertrat Jens Weißflog erstklassig und hielt die deutschen Fahnen weiter aufrecht. Er mischte im Weltcup sowie bei der Vierschanzentournee oben mit. Diese Leistungen bestätigte er über 1.5 Jahre, bis ein gewisser Sven Hannawald, bis dahin nur schmückendes Beiwerk in der Erfolgsliste deutscher Skispringer plötzlich mit einem zweiten Platz bei der Vierschanzentournee 1997/98 und dem Vizeweltmeistertitel im Skifliegen sowie dem Gewinn des Skiflugweltcups auf sich aufmerksam machte.
Er überflügelte den bis dahin auf dem zweiten Platz gelegenen Thoma selbst noch im Gesamtweltcup.

Und in der Saison98/99? Wir haben einen Martin Schmitt, der die Massen begeistert. Von Dieter Thoma wird da kaum noch gesprochen. Er steht wieder einmal im Schatten eines anderen. Dieter Thoma, ein Lückenfüller? Nein - ein Mann, der seinen Mann stand, wenn er am meisten gebraucht wurde. Er war da, wenn Not am Mann war, er hat Verantwortung übernommen wenn kein anderer es konnte oder
wollte.
 
 

Dieter Thoma (GER) - Parallel-Stil
 

 
  

Dieter Thoma (GER) - V-Stil
  Eddie the Eagle  
 
Ein in seiner Art wohl einmaliger Springer in der langen Geschichte dieser Sportart war Eddie "the Eagle" Edwards. Sein einzigartiger Sprungstil wird uns wohl immer in Erinnerung bleiben.
Ich kann mich nur zu gut daran erinnern, wie er da oben auf dem "Donnerbalken" saß, verwegen, seine Brille in den Wind gestreckt!
(und das war nicht etwa eine Skibrille!)
Dann fuhr er los, es sah fast aus wie bei Martin Schmitt. Dies änderte sich am Schanzentisch! Sein Absprung war selten pünktlich, und dann seine Flughaltung, von einer Bananenform konnte da nie die Rede sein!

Unverwechselbar, Eddie the Eagle.
Ein Vergleich zwischen ihm und Funaki wäre wie ein Vergleich zwischen Dumbo, dem fliegenden Elefanten und der Möwe Jonathan! Man kann es eigentlich nicht vergleichen. Sein "V" glich eher einem "L"! Aber es gibt etwas, was er dem großen Nykänen und dessen Vorreitern in dieser Sportart voraus hatte, er sprang den V-Stil und angesichts seines Alters muss er wohl auch mit Parallel-Stil begonnen haben!
 
Und auch wenn die Weißflogs, Nieminens, Goldbergers und Kasais dieser Welt (das war damals die Elite) auf manchen Schanzen bei 130m landeten, auf denen Eddie schon bei 60 oder 70m auf den Boden der Tatsachen gedrückt wurde, so ist er doch ein großes Beispiel für uns alle!
 
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Er hat zwar nie ein Weltcup-Springen gewonnen, aber wer kennt ihn auch heutzutage nicht, Eddie the Eagle, eine Lichtgestalt des modernen Skispringens, der seine Fans auf der ganzen Welt besuchen kann! Mein Respekt gilt ihm, dem Ritter der Unmöglichkeit, der Unmögliches doch möglich machte und uns allen ein schillerndes Vorbild sein sollte! Wer ihn hat fliegen sehen, der weiß, wovon ich rede!
 
 

Eddie "the Eagle" Edwards
 
 
  Die 90er Jahre ...  
 
..., ein neues Jahrzehnt, ein neues Kapitel im Skispringen.
 Althergebrachte Werte wurden über den Haufen geworfen, neue eingeführt. Aber der Reihe nach.
 
In den 80ern gab es einen schwedischen Springer, von dem kaum jemand Notiz nahm, da er durch seine erbrachten Leistungen nicht weiter auffiel. Dies änderte sich in der Saison 1989/90 schlagartig, als am Ende in die Gesamtweltcupsiegerliste der Name Jan Bokloev eingetragen wurde.
Ein Schwede gewinnt den Gesamtweltcup, ungewöhnlich? Eigentlich nicht, in diesem Falle aber doch. Denn entscheidend war nicht die Tatsache, dass er ihn gewonnen hat, sondern, wie er dies vollbracht hat. Seine Sprünge wurden nämlich mit den höchsten Weitenpunkten, aber mit den niedrigsten Haltungsnoten bewertet.
Woran lag das?
Die Antwort ist ganz einfach.
In der Flugphase spreitze er die Skier und bot somit dem Aufwind eine größere Angriffsfläche, ähnlich den Tragflächen eines Flugzeuges. Diese aerodynamische Gesetzmäßigkeit verhalf ihm dazu, die weitesten Sprünge im Feld zu stehen. Der V-Stil war geboren.
 
Jedoch war es keine Geburt ohne Komplikationen. In den ersten zwei Jahren wehrte sich der Skiweltverband FIS, allen voran der Präsident des Skisprungkomitees, der Norweger Torbjörn Yggeseth gegen diesen "Bruch mit der Skisprungtradition".
In der olympischen Saison 1991/92 konnte man sich dahingehend einigen, den neuartigen Stil nicht mehr, wie bisher, mit 1.5, sondern von nun an nur noch mit 0.5 Punkten Abzug zu "bestrafen". Ein erster Schritt der Einigung war getan. Im Jahr darauf wurde die vollständige Akzeptanz des V-Stils Wirklichkeit und über den Parallel-Stil sprach kein Mensch mehr. Doch sollen hier nicht nur die Vorzüge der neuen Ästhetik erwähnt werden, die Umstellung hatte auch ihre Schattenseiten.
 
In den Ergebnislisten des V-Stils fehlten einige große Namen, wie zum Beispiel Andi Felder, für den ein Umlernen nicht mehr in Frage kam, oder ein Frantisek Jez, der, wie Dieter Thoma große Probleme mit der Umstellung hatte und an seine früheren Leistungen nie wieder anknüpfen konnte. Andere wiederum profitierten von der Umstellung. Bestes Beispiel hierfür ist der junge Finne Toni Nieminen, der bei den olympischen Winterspielen 1992 in Albertville zwei Gold- und eine Bronzemedaille gewann. Und was war mit dem "Erfinder"? Jan Bokloev versank nach der Umstellung wieder in der Mittelklassigkeit und hat seine Karriere inzwischen beendet. Die Revolution frisst ihre Kinder!
 
 
 
 
 
 
 

Jan Boklöv
 

Der V-Stil von Jan Boklöv
  In der heutigen Zeit ...
 
... hat sich der V-Stil vollkommen etabliert und nur noch die älteren Semester in der Skisprungfangemeinde sprechen noch von Zeiten, da die Menschen mit paralleler Skiführung von den Schanzen sprangen. Die Stars von heute sind schon mit der Technik der gespreitzten Skier aufgewachsen. Von einer Dominanz einzelner Springer über das gesamte Jahrzehnt kann auch nicht mehr gesprochen werden. Die Spitze ist näher zusammengerückt und die Siegerliste einer Saison umfaßt wesentlich mehr Namen als noch vor zehn Jahren. Der ästhetischte unter den Ästheten ist zweifellos der Japanische Weltmeister und Olympiasieger Kazuyoshi Funaki. Und wie wird die Zukunft des Skisprungsports aussehen?

Wird ein Martin Schmitt ihn in wieder neue Dimensionen führen? Oder hat er das schon getan? Eines ist sicher, mit seiner Siegesserie in dieser Saison hat Schmitt einen nie erwarteten Boom ausgelöst.
Das Skispringen hat sein Dasein als Randsportart der vergangenen Jahre aufgegeben und ist deutlich in den Vordergrund getreten. Eine Modeerscheinung oder ein dauerhafter Trend? Das kann nur die Zukunft zeigen.
 
  Die Zukunft
 
Es bleibt abzuwarten, in wie weit sich der gigantische Kommerz-apparat mit Werbeverträgen und Fernsehübertragungsrechten auf die sportliche Seite des Skispringens auswirken wird.
Unumstritten bleibt, dass Skispringen eine der faszinierendsten Sportarten überhaupt ist. Egal, wohin der Weg des Skispringens führt, einzigartig wird diese Sportart wohl immer bleiben, da sie aktiv auszuüben, nur einigen wenigen Menschen vorbehalten bleibt.
Für uns Fans bleibt nur die Fantasie, uns das unglaubliche Gefühl, das die Springer wohl beim Sprung durchleben, vorzustellen.
 
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